Neurobiologie der Pubertät für alle, die Jugendliche begleiten
»Die Kunst, einen Kaktus zu umarmen«¹ – dieser Untertitel auf einem Buch im Wohnzimmerregal meiner Eltern fiel mir ins Auge und löste in meinem 14-jährigen Gehirn zwei Reaktionen aus:
- Abwehr: »Soso – meine Eltern suchen also eine Strategie, wie sie an mich rankommen. Ich lass mich aber nicht kontrollieren – auch nicht mit strategisch eingesetzter Liebe!«
- Verständnis: »Kaktus klingt nicht schön – aber irgendwie passt es auch …«
Mein erwachsenes Gehirn erinnert sich noch so lebendig daran, weil es erstmalig ein ambivalentes Gefühl in mir in Worte fasste: Ich betrachte mich selbst kritisch und sehe Dinge, die ich überhaupt nicht mag (Stacheln). Gleichzeitig kann ich mich nicht selbst austauschen und spüre die Aufgabe, alles an mir lieben zu lernen (Umarmen).
Die Teenagerjahre sind eine faszinierende Zeit: Plötzliche, starke, ambivalente Emotionen, unvorhersagbare, dramatische Stimmungsschwankungen, ein Wechselspiel zwischen Geselligkeitsbedürfnis und Verschlossenheit bis hin zu ungeahnten Höhen von Kreativität und vielem mehr. Teenager sind keine bloße Übergangserscheinung zwischen Kindern und Erwachsenen. Sie sind mehr als »Heranwachsende auf Hormonen mit neuen Informationen zu Sex« oder »halbfertige Körper«. Sie sind gewissermaßen eine eigene Spezies Mensch – die enorm wichtig ist.
Vielleicht kann es deshalb so erfüllend, irritierend, lehrreich und frustrierend zugleich sein, mit Jugendlichen Zeit zu verbringen. Für ein Stück mehr Verständnis und Orientierung auf dieser Reise gehe ich in diesem Artikel nacheinander drei Fragen nach:
- Was passiert im jugendlichen Gehirn?
- Welche Erklärungsansätze liefern diese Erkenntnisse für jugendliches Verhalten?
- Was folgt daraus für diejenigen, die eine vertrauensvolle Beziehung zu Heranwachsenden aufbauen?
Da ich selbst kein Neurologe bin, sind die folgenden Erkenntnisse immer vorläufig zu sehen. Gut, dass selbst Gehirnforschende diese Vorläufigkeit ihren Ergebnissen voranstellen. Denn vieles, was die Schaltzentrale zwischen den Ohren betrifft, ist uns noch immer unbekannt.
Was passiert im jugendlichen Gehirn?
Zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr ereignet sich eine rasante, umfassende und tiefgreifende Entwicklung im jungen Körper: die Pubertät. Der zeitliche Beginn lässt sich nicht am Alter festmachen. Der auslösende Mechanismus im Gehirn ist eine komplexe Befehlskette, die mittlerweile gut erforscht ist.
Das Startsignal kommt vom stammesgeschichtlich ältesten Teil unseres Gehirns. Es liegt in der Mitte des Kopfes, genauer gesagt an der Unterseite des Gehirns, ist ca. weintraubengroß und trägt den Namen Hypothalamus. Hier wird ein Hormon produziert, welches das gesamte Fortpflanzungssystem kontrolliert: das »Gonadotropin-Releasing-Hormon« (kurz GnRH). Es gibt Substanzen im Gehirn, die die GnRH-Produktion hemmen (während der Kindheit) und fördern (während der Pubertät). Mit der Zeit verschiebt sich das Konzentrationsverhältnis, schließlich »kippt« es und die Pubertät setzt ein. Eine dieser fördernden Substanzen ist das Stoffwechselhormon Insulin². Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Pubertät erst einsetzt, sobald der Stoffwechsel des Heranwachsenden reif genug ist.
Das nun ausgeschüttete GnRH wird nur Millimeter entfernt von den Zellen der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) aufgenommen, die von sich aus weitere Hormone produziert und in den Blutkreislauf einspeist: sogenannte Gonadotropine³. Männliche und weibliche Keimdrüsen⁴ nehmen diese wahr und beginnen mit der Ausschüttung verschiedenster Sexualsteroide⁵. Deren Wechselspiel bewirkt fast alle pubertätstypischen Veränderungen: Haarwachstum, Reifung der Genitalien, Wachstumsschub, erster Samenerguss (Spermarche) und erste Menstruationsblutung (Menarche), Wachstum von Muskeln bzw. Fettpolstern usw. Die unterschiedlichen körperlichen Entwicklungsrichtungen der Geschlechter kommen durch die relative Menge und die unterschiedliche Verfügbarkeit reaktionsfähiger Zellen auf diese Steroide im männlichen und weiblichen Körper zustande.
Wir sehen, dass die Befehlskette im Gehirn einen zähen und mehrstufigen Prozess in Gang setzt. Dieser betrifft nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern ganz massiv auch ein wichtiges Sexualorgan: das Gehirn.
Während die graue Hirnmasse (Anzahl der Neuronen und Synapsen) in der Kindheitsphase zunimmt, kommt es – ausgelöst durch die Pubertät – zu zwei hochspannenden Prozessen in der Jugendzeit (mehr dazu in 10 Dinge, die du über die Gehirnentwicklung wissen solltest):
Beschneidung der überreichlich vorhandenen Synapsen. Das »gewucherte« Gehirn wird massiv gestutzt und effektiv umgebaut. Die wichtigsten Botschaften sollen schneller weitergeleitet werden. Dabei werden die Verbindungen entfernt, die selten genutzt werden oder eine kurze Reichweite haben. Besonders stark davon ist der präfrontale Kortex betroffen, der für das logische Denken, das Abwägen von Konsequenzen und den Bedürfnisaufschub zuständig ist.
Beschleunigung der bisher lahmen Verbindungen. »Berittene Boten« werden durch Glasfaserkabel ausgetauscht. Dabei bildet sich eine weiße Fettschicht (Myelin) um die besonders häufig genutzten Synapsen und isoliert diese elektrisch. Dadurch lernt der Mensch, bildet Gewohnheiten aus oder entwickelt Abhängigkeiten.
Diese Veränderungen wirken zuerst auf das limbische System (Hauptsitz der Emotionen, der Bedürfnisse, des Belohnungssystems) und erst später und nachgeordnet auf den präfrontalen Kortex. Das komplette Belohnungssystem (dopaminerge Bahnen) wird dabei völlig neu verdrahtet.
Wir verstehen, warum in der Pubertät eine Vielzahl neuer Entwicklungsaufgaben aufbrechen. Der massive Zuwachs an neuronaler Kapazität schaltet mehr und mehr Fähigkeiten wie die kritische Selbstbetrachtung oder eigenständiges Handeln frei. Diese wiederum ermöglichen und fordern, die Welt und das Ich darin ganz neu zu verstehen und einzunehmen. Die Pubertät ist eine Hochleistungsphase!
Welche Erklärungsansätze liefern diese Erkenntnisse für jugendliches Verhalten?
Bei den konkreten, einzelnen Wirkungen ist immer Vorsicht geboten. Wir wissen längst nicht alles. Kausalzusammenhänge sind hier nicht nachgewiesen.
Die Pubertät ist auch eine Hochrisikophase!⁶

Durch die zeitlich versetzte Entwicklung zwischen präfrontalem Kortex und limbischem System werden Entscheidungen eher auf Grundlage von Emotionen getroffen. Das gilt insbesondere bei der Anwesenheit von Gleichaltrigen und bei Aussicht auf Belohnung. In diesem Prozess lernt der junge Mensch, mit Risiken umzugehen. Für einen großen Genuss ist er eher bereit, Verluste oder Zurückweisung in Kauf zu nehmen. Das ist ein wichtiger und sinnvoller Entwicklungsschritt, der gleichzeitig enormes Gefahrenpotential birgt. Denn Jugendliche sind damit auch in der Lage, zu hohe Risiken einzugehen, deren Konsequenzen langfristig spürbar bleiben.
Und doch hat diese Phase ihren entwicklungsgeschichtlichen Sinn: Das Gehirn wird den sich immer schneller wandelnden äußeren Anforderungen gerecht. Wir entwickeln unser Betriebssystem beständig weiter. Für Erwachsene gültige Grenzen werden »automatisch« hinterfragt und bleiben dadurch nicht in Beton gegossen.
Das ist für viele Bereiche hoffnungsvoll, für andere Bereiche – wie der Sexualität – mag der ein oder andere Bauchschmerzen empfinden: »Hier pfuschen unreife, junge Menschen mit einer der stärksten Naturkräfte herum, die es gibt!« Natürlich werden auch sexualethische Normen hinterfragt – während sich gleichzeitig viele Fähigkeiten noch entwickeln, um diese umzusetzen: Bedürfnisaufschub, Impulskontrolle, Abwägen von Konsequenzen. Jugendliche bestehen aus einer Mischung von kritischer Neugier und bedenkenlosem Leichtsinn.
Allerdings sind Jugendliche in sexueller Hinsicht zwar hormongeflutet, aber nicht hormongesteuert. Dieses Modell müssen wir aus neurologischer Sicht relativieren. Hormone bauen einen Körper auf, der sexuell empfänglich ist, und geben sehr wahrscheinlich einen Schubs, um über Sexualkontakte nachzudenken. Ab diesem Punkt ist Sex eine hirnlastige Angelegenheit. Hormone sind ein nachgewiesener, aber nicht alleinbestimmender Faktor für jugendliches Sexualverhalten. Soziale, psychologische und kulturelle Einflüsse spielen eine wesentlich größere Rolle. Jugendliche reden, spielen, necken, experimentieren, erproben und üben im Kontakt mit ihrem Schwarm.
Was folgt daraus für diejenigen, die eine vertrauensvolle Beziehung zu Heranwachsenden aufbauen?
Wenn die Hochleistungsphase des Gehirns und ihr hohes Risikopotential mit dem Wiedererwachen der Sexualität in der Teenagerzeit zusammenfällt und sich prinzipiell gegen äußere Impulse abgrenzt – ist es dann schlicht aussichtslos, Jugendliche in Sachen Sex Ratschläge oder Grenzen weiterzugeben?
Irgendwie schon, denn der für Erwachsene vermeintlich einfachste und schnellste Weg ist damit von vornherein ein Irrweg. Das bloße Proklamieren sexualethischer Standards (so oft man sie auch mit dem Wort »Orientierung« einkleidet), das sorgenvolle Wachen über die Einhaltung derselben und das Durchsetzen harter Konsequenzen bei Überschreitungen, suggerieren Kontrolle, die es gar nicht gibt. Desinteresse, Kreativität bei Umgehungsstrategien und Verheimlichungen scheinen im heranwachsenden Gehirn einprogrammiert. Es scheint also aussichtslos, obwohl doch gleichzeitig tiefe emotionale Krisen und Verzweiflung nach erwachsener Begleitung rufen.
Was können wir Älteren, denen das Reifen von Heranwachsenden wichtig ist, dann beitragen? Wie schaffen wir es, dass unser Wort und unsere Erfahrung Gewicht bekommen und sich für Jugendliche als hilfreich erweisen können?
Wir könnten uns selbst fragen: Welche sinnvolle Nähe sucht unser reiferes Gehirn, wenn wir selbst orientierungslos, verzweifelt und überfordert sind? Mancher wird feststellen, dass seine Lösungsstrategien, wenn es sich dabei um Flucht in digitale Welten, betäubende Substanzen oder Gelegenheits-Sex handelt, überhaupt nicht empfehlenswert sind. Wenn wir den Rat von Menschen suchen, dann bei denen, wo wir sicher sind: Du bist für mich. Du kennst mich. Du hast Erfahrung und ich vertraue dir.
Für Christen, die Heranwachsende in ihrer Sexualität begleiten, bedeutet das: Jugendlichen zu sagen, dass Gottes Vision von Liebe und Sexualität, wie wir sie in der Bibel finden, tragfähig für ihr Leben ist und handlungsleitend in ihren Entscheidungen sein sollte, ist wahr. Ob Heranwachsende sich auf diese Wahrheit stellen, setzt voraus, dass sie Gottes Charakter erkennen: Du bist für mich. Du kennst mich. Du hast Erfahrung und ich vertraue dir. In diesem Sinne ist es wichtiger, dass Jugendliche zuerst Jesus kennenlernen, als meine sexualethischen Standards.
Eine hilfreiche Frage im Umgang mit Jugendlichen kann dabei folgende sein:
Was kann ich tun, damit Jugendliche auch bei ihrer nächsten Frage oder ihrem nächsten Konfliktthema meine Nähe, Ermutigung und Hinterfragungen suchen?
Die Währungen, mit denen das Mandat, gehört zu werden, erworben wird, lauten: Präsenz und Vertrauen – nicht Verhandlungsgeschick und Überzeugungskraft. Theologische und humanwissenschaftliche Wahrheiten sind wichtig. Viel wichtiger aber bleibt die Person, die sie vertritt: Ist sie für mich? Kennt sie mich? Hört sie mich? Ist sie vertrauenswürdig? Oder will sie etwas von mir? Fordert sie? Beobachtet und bewertet sie? Beziehungsorientierte Jugendleiter setzen genau hier an.
Was meine ich mit Präsenz? Es ist eine innere Haltung, die ganz im Hier und Jetzt ist – weder in der Vergangenheit (bei eigenem Schmerz) noch in der Zukunft (bei eigener Hoffnung für das Gegenüber). Sie stellt Sichtweisen und persönliche Erfahrungen zur Verfügung, erklärt, woher sie kommen, wirbt für die daraus resultierenden Erkenntnisse und gestattet eigene Entscheidungen.
Präsenz stellt Fragen und ermutigt zum eigenen Nachdenken. Sie sichert die Beziehung zu, auch wenn Entscheidungen getroffen werden, die von mühsam bis schmerzvoll empfunden werden. Denn schließlich überlässt eine präsente Haltung mein Gegenüber der weiteren Versorgung durch den Schöpfer. Das tut sie in der Bereitschaft, selbst dazu gebraucht zu werden und in der Sicherheit, dass ohne mich dennoch für alles gesorgt ist.
Einen Kaktus umarmen kann, wer weiß, wozu die Stacheln dienen, und sie daher weniger persönlich nimmt.
Anmerkungen
- ¹ Untertitel des Buches »Und plötzlich sind sie 13« (Claudia & David Arp, Brunnen-Verlag)
- ² Vgl. Bainbridge, David: »Teenager – Naturgeschichte einer seltsamen Spezies« (2010)
- ³ Luteinisierendes Hormon (LH) und Follikelstimulierendes Hormon (FSH)
- ⁴ Hoden, Eierstöcke – aber auch die Nebennieren
- ⁵ Progesteron, Androgene und Östrogene
- ⁶ Vgl. Konrad et al.: »Hirnentwicklung in der Adoleszenz« (2013)
Gabriel Kießling ist Religions- und Sozialpädagoge und arbeitet als Fach- und Jugendreferent beim Weißen Kreuz.
Dieser Beitrag erschien zuerst in »Wie wir ticken«, der Zeitschrift des Weißen Kreuzes (Ausgabe 105). Dort findest du mehr zum Titelthema.

