Was Purity Culture Gutes will und woran sie scheitert

»In dem Glauben, dass wahre Liebe wartet, verpflichte ich mich gegenüber Gott, mir selbst, meiner Familie, meinen Freunden, meinem zukünftigen Ehepartner und meinen zukünftigen Kindern, von diesem Tag an sexuell enthaltsam zu bleiben bis zu dem Tag, an dem ich eine biblische Ehe eingehe.«
Unterschrift: ____________________ Datum: ____________________

1993 unterschrieben 53 Jugendliche der Tulip Grove Baptist Church in Hermitage (Tennessee) dieses Gelübde. Ein Jahr später wurden während der Youth-for-Christ-Konferenz über 211.000 solcher unterzeichneter Gelöbniskarten in den Rasen der National Mall vor dem Kapitol in Washington DC gesteckt. Die »True Love Waits«-Bewegung (kurz TLW, deutsch: »Wahre Liebe wartet«) war geboren, und ihr Einfluss wuchs auch international. Solchen öffentlichen Bekenntnissen zur sexuellen Enthaltsamkeit folgten TLW-Bibeln, Bibelstudienhilfen und Bestseller wie »Ungeküsst und doch kein Frosch« (Original-Titel: »I Kissed Dating Goodbye«) des 21-jährigen Joshua Harris (1997). In sogenannten »Purity-Balls« versprachen Töchter ihren Vätern öffentlich, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten. Prominente Jugendidole der Zeit wie die Jonas Brothers, Miley Cyrus oder Emma Watson trugen öffentlichkeitswirksam die »Purity Rings« der Bewegung »Silver Ring Thing«. Sie dienten als Platzhalter des zukünftigen Eherings.

All das rückt in den Blick, wenn von »Purity Culture« (= Reinheits-Kultur) die Rede ist. Ihre Wurzeln gehen noch weiter zurück. Und auch wenn ihre wirksamste Hochphase heute schon lang hinter uns liegt, sind ihre Folgen in manchen sexualethischen und theologischen Formulierungen, Haltungen und Predigten mancherorts immer noch erkenn- und spürbar.

Spätestens seit eben jener Joshua Harris sich im November 2017 von seinem Bestseller distanzierte, selbst der bereits geäußerten harten Kritik daran zustimmte und es schließlich 2019 vom Markt nahm, kamen die Schattenseiten der Bewegung mehr und mehr ans Licht. Vor allem auf Social Media berichten betroffene junge Frauen von Machtmissbrauch, geistlichem Druck und Körperfeindlichkeit, die ihr Leben, ihren Glauben, ihre Beziehungen und auch ihre Sexualität massiv beeinträchtigt bis zerstört haben. Sehr häufig fällt dabei der Begriff »Purity Culture«.

Was genau mit dieser Reinheitskultur gemeint ist, bewegt sich in einem enormen Spektrum:

  • von der biblisch-ethischen Überzeugung, dass Gottes Idee von Sexualität untrennbar mit einem verbindlichen, liebevollen, öffentlichen Bund (»Ehe«) verknüpft ist,
  • bis hin zu peniblen Vorschriften (z. B. Kleidungsstil, öffentliche Gelübde, Blick- und Berührungsverbote, Dating-Vorschriften …), um als guter Christ bloß nicht aus Gottes Gnade zu fallen oder andere zu verführen.

Christen, die wirksam und anschlussfähig über Sexualität sprechen wollen, müssen sich mit »Purity Culture« auseinandersetzen:

  • Welche Anliegen der Purity Culture sind zu würdigen?
  • Welche negativen Auswirkungen in den hörbaren Lebensgeschichten sind erkennbar?
  • Was lässt sich daraus für die Haltung zum »Thema Nr. 1« schlussfolgern?

Diesen Fragen gehe ich hier nach.

Was Purity Culture Gutes will

Purity Culture war zunächst für viele junge Gläubige ein Orientierungsangebot in einer übersexualisierten Welt (Stichwort »sexuelle Revolution«, Anstieg sexuell übertragbarer Krankheiten …) und ein klarer Kompass, der Sicherheit, Verbindlichkeit in Beziehungen und einen bewussten Umgang mit Sexualität schuf. Die Bewegung bot vielen Jugendlichen eine Gemeinschaft und einen positiven Gegenentwurf zu gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Wo junge Menschen mit einem unverbindlichen, konsumorientierten Bild von Sexualität konfrontiert waren, wurde Enthaltsamkeit bis zur Ehe ein Ausdruck der Freiheit: die bewusste Entscheidung für sexuelle Selbstkontrolle, Integrität, Beziehungsfähigkeit und Langfristigkeit. Diese Freiheit schien durch eine liberale Sexualaufklärung und die steigende Zugänglichkeit zu Verhütungsmitteln im Zuge der sexuellen Revolution in den Hintergrund gedrängt zu werden.

Auch heute berichten Jugendliche von einem empfundenen Druck, möglichst bald, möglichst häufig und möglichst vielfältig »Sex zu haben«. Dabei überschätzen sie allerdings massiv, wie viele ihrer Altersgenossen bereits erste Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr hatten. Der ursprüngliche Herzschlag der »Purity Culture« wollte dieser Erfahrung mit einem alternativen, biblischen Entwurf begegnen: Sexualität ist für die Ehe geschaffen. Heute fehlt Jugendlichen in dieser Phase des Heranwachsens ohne solch eine hörbare, gegenkulturelle Stimme ein wichtiges Werte-Angebot.

Woran Purity Culture scheitert

So ehrbar die Motive der zentralen, leitenden Personen bei TLW und aller Nachfolgeorganisationen scheinen bzw. sind: Zahlreiche Zeugnisse berichten von den Auswüchsen und leidvollen Auswirkungen vor allem auf Heranwachsende.

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Allen ist gemeinsam: »Purity Culture« hat den christlichen Glauben zu einer sexualmoralischen Leistungsreligion gemacht. Die Erfahrung der Nähe und Gnade Gottes kam im Bereich der Sexualität plötzlich auf die menschliche Leistung an – »stay pure«.

Konkret äußerte sich das in folgenden Aspekten:

Negative Sprache über Sex

Dazu zählen Metaphern über promiskuitiven Sex: das zu häufig aufgeklebte und abgerissene Klebeband, das seine Haftfähigkeit verloren hat; die zwei zusammengeklebten und auseinandergerissenen Blätter, die noch Fetzen des anderen an sich tragen. Martialische Bilder, die Angst vor dem Verletzungspotential von Sexualität schürten. Sex ist zuerst gefährlich und benötigt deshalb strenge Regulierungen. Die teils apokalyptische Rhetorik über Gottes Zorn und das drohende Gericht, sobald man auch nur ein Stück von Gottes Weg abkommt, traf auf ein ohnehin scham- und angstbesetztes Feld und schürte noch mehr davon. Dass Sex an sich Gottes Gütesiegel »sehr gut« erhielt, fehlt.

Theologische Verrenkungen

Neben explizit sexuellen Handlungen wurden vor allem auch Gedanken, Wünsche, Träume und Emotionen in den Fokus genommen. Matthäus 5,28 (»Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen«) wurde so ausgelegt: Allein sexuelle Bedürfnisse zu verspüren sei sündig, bedürfe der Reue und der Bitte um Vergebung.

Der Begriff »Reinheit« tauchte dabei immer wieder auf und wurde zu einem zentralen Charaktermerkmal. Jungfräulichkeit war das wichtigste Geschenk an den oder die Zukünftige. Der Umkehrschluss machte ausgesprochen und unausgesprochen klar: »Sonst bist du unrein!« Viele junge Christen, die daran scheiterten, betrachteten sich und andere, die anders unterwegs waren, automatisch als geistlich unrein und der Gnade Gottes unwürdig. Die Folgen reichten nicht selten von existenziellen Glaubenskrisen (Infragestellung, Austritt …) über inneres Verdrängen und Misstrauen zum eigenen Körper bis hin zu einem äußeren Doppelleben (aus Angst vor Ausschluss aus der Gemeinde) – in jedem Fall eine enorme Belastung. Jugendlichen, die bereits sexuell aktiv waren oder sich nicht an diese Richtlinien halten wollten, wurde das »wahre Christsein« abgesprochen. Sie galten als geistlich, psychisch und körperlich zu schwach. Aussagen der Bibel, die sich gegen die Unterteilung in mehr oder weniger sündige Christen richten (z. B. Römer 3,23f), wurden ausgeblendet.

Geistlich-moralisches Tauschgeschäft

»Purity Culture« implizierte das Versprechen »Verzichte jetzt und gewinne später noch mehr!« und weckte enorme Erwartungen an den ersten Geschlechtsverkehr nach der Hochzeit. Die Enthaltsamkeitsleistung forderte unbewusst eine Belohnung von Gott ein, nämlich die folgende Ehe (und die darin enthaltene Sexualität) besonders zu segnen. Wurden diese Hoffnungen nicht (vollständig) erfüllt, wurde nach Fehlern im eigenen Verhalten, in Gottes Zusagen oder in der Herzenshaltung des Partners gesucht, statt gemeinsam nach Wegen zu suchen.

Blinder Fleck

Es gibt keinen Automatismus nach dem Motto: verheiratet = guter Sex. »Purity Culture« reduzierte das Wissen über Sexualität auf genau diese Formel. Was danach kam, interessierte nicht, denn es geschah ja in der gottgewollten Ehe. Dadurch wurden die Augen vor Sexualproblemen, aber auch vor Übergriffen und jeglicher Gewalt verschlossen. Weitere wichtige Aufklärungsthemen wurden als unwichtig, ungeistlich oder gefährlich in den Hintergrund gedrängt und tabuisiert.

Abwälzen der Verantwortung auf die Frau

Auch wenn »Purity Culture« Verhaltensnormen für beide Geschlechter formuliert, berichten vor allem junge Frauen von den leidvollen Auswirkungen. Obwohl der Mann als sexuell »bedürftiger« bzw. »zügelloser« galt, gab es mehr Regelungen für Frauen. Die sexuelle Lust im Mann sollte nicht geweckt, ja sogar in Schach gehalten werden. Freizügigere Kleidung etwa wurde als Verführungsversuch gewertet und war deshalb verpönt. Doppelt paradox mutet daher die Tradition der »Purity Balls« an, bei denen Väter ihren Töchtern das Versprechen abnahmen, sexuell enthaltsam zu leben – und versprachen, es zu schützen. Innerlich war die Frau für die Sexualität des Mannes verantwortlich – äußerlich nun doch der Mann. Hier zeigt sich eine Dynamik, die an patriarchale Strukturen erinnert und zugleich Männer in ihrem Wesen auf Sexualität reduziert und damit abwertet.

Was wir daraus folgern können

Wie können wir die furchtbaren Folgen der Purity Culture im Sprechen über christliche Sexualethik mit Jugendlichen verhindern – ohne in ein Schweigen zu verfallen oder eine beziehungslose Sexualität zu unterstützen?

Auch wenn man in manchen Kreisen den Eindruck bekommt, »Purity Culture« sei an allen Konflikten und Fragen im Bereich Sexualität schuld: Ich sehe die Hauptursache für die genannten leidvollen Auswirkungen nicht darin, WAS, sondern WIE über Sexualität gesprochen wird.

Die sexualethische Haltung, dass Sexualität nach Gottes Idee am besten in einer treuen, liebevollen, öffentlichen, lebenslangen Partnerschaft (= Ehe) wachsen kann, führt eben nicht automatisch ins Verderben. Vielmehr bewirken die verwendete Sprache (und Sprachlosigkeit), Gruppendynamiken sowie aus- und unausgesprochene Ordnungen innerhalb der Jugendgruppe und Gemeinde geistlichen Leistungsdruck, die Angst vor dem Versagen und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den eigenen Bedürfnissen und sich selbst.

Sobald das WIE (apokalyptische, martialische, übergriffige Rhetorik) etwas anderes ausdrückt als das WAS (Gottes Vision von Sexualität), führt es unweigerlich zur Veränderung bis Verfälschung des WAS auf der Hörerseite. Das WAS wird vom WIE regelrecht verkrümmt, und die Botschaft kommt nicht an.

Wenn ein junges Paar seinem Pastor im Seelsorgegespräch von einem drückend-schlechten Gewissen erzählt, weil sie miteinander intim geworden sind, dann ist dessen Reaktion entscheidend.

Beschämt er das Paar durch investigative Rückfragen und Rückschlüsse (»Habt ihr ein Kondom verwendet? Dann war es eine vorsätzliche Sünde, denn ihr wart auf Geschlechtsverkehr vorbereitet!«)? Zieht er harte Konsequenzen für ihre Gemeindezugehörigkeit (Ausschluss aus der Mitarbeit …) und baut geistlichen Druck auf (Zwang zur Beichte vor der Gruppe, Androhung von Gottesferne, wenn keine Beichte geschieht …)?

Oder fragt er offen nach ihrer Motivation, sich ihm zu öffnen (»Wozu erzählt ihr mir das? Was kann ich euch Gutes tun?«)? Bietet er ihnen seelsorgerliche Begleitung als Paar an und hilft ihnen, über biblische Werte und persönliche Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen?

Die Art und Weise seiner Reaktion spricht laut von dem, was er über Sexualethik sagen möchte.

Menschen, ihre Beziehungen und die Situationen, in denen sie sich wiederfinden, sind zu komplex und zu verschieden, als dass dieselben Sätze in jedem Fall angemessen wären oder gar zu guter Frucht führten. Folgende Schritte helfen, junge Menschen für den Wert biblischer Sexualethik zu begeistern und als vertrauenswürdige Begleitung wahrgenommen zu werden:

Realitäts-Check: Überprüfe eigene Schubladen

Identifiziere deine inneren Glaubenssätze über Jugendliche und Sexualität und stelle sie auf den Prüfstand der Realität. Viele tragen etwa die Überzeugung mit sich: »Jugendliche wollen immer mehr und haben immer früher Sex.« Tatsächlich bleibt das Alter der ersten Erfahrung mit Geschlechtsverkehr seit über 20 Jahren relativ stabil – sinkt sogar leicht. Vielmehr haben Jugendliche Sorgen vor dem ersten Mal: Leistungsdruck, Angst, nicht zu gefallen, Angst, abgewiesen oder beschämt zu werden. Als wichtigste Aufklärungsquellen geben Jugendliche nicht Social Media oder Pornografie an, sondern Aufklärungswebsites, Schulunterricht oder persönliche Gespräche. Ihnen ist nicht egal, was Erwachsene dazu sagen. Vielmehr suchen sie fundierte Informationen von vertrauenswürdigen Vorbildern.

Theologie-Check: Wie viel Perfektion fordert Jesus?

Jesus begegnet jedem Menschen individuell so, wie er oder sie es braucht. Das WAS ist immer die Liebe Gottes und sein kommendes Reich. Das WIE unterscheidet sich je nach Umständen und Eigenschaften der Person. So hält er beispielsweise der Frau in Johannes 8 vor der wurfbereiten Männer-Masse keine Standpauke und stellt keine Forderungen. Er sorgt dafür, dass sie hörbereit ist und die innere Befürchtung (»Jetzt bin ich verdammt!«) keine Macht mehr hat: »Auch ich verurteile dich nicht.« Das WAS, nämlich Gottes liebevoller Blick auf sie, wird durch Jesu Art sichtbar. Vergessen wir nicht, wie viel Raum die Bibel dieser Dynamik gibt, wenn wir meinen, von einem Menschen Perfektion fordern zu müssen: »Sündige hinfort nicht mehr.«

Eigene Sprachfähigkeit entwickeln: Sexualaufklärung fördern

(Klein-)Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene brauchen ein gutes, altersgemäßes Fundament zum Thema Sexualität. Eine altersgerechte Sexualaufklärung bereitet sie darauf vor, verantwortlich und selbstbestimmt mit Sexualität umzugehen. Wissen bevollmächtigt – auch in der Sexualität. Deshalb reicht es nicht, in der Gemeinde mit dem Satz »Sex hast du in der Ehe – und dann klappt es schon« einen Haken an das Thema zu machen – so bequem manchen diese »Lösung« auch scheinen mag.

Positiv über Sex sprechen: Siehe, es war seeeeeehr gut

Wenn nicht mehr die Schönheit der Schöpfung Gottes, sondern die Angst vor Ausschluss oder Ächtung innerhalb der Gemeinschaft sowie die Scham beherrschend sind, weil das eigene Verhalten wie auch die eigene Lust als schmutzig und fehlerhaft bewertet werden, dann haben geistliche Leiter einen schlechten Job gemacht. Die Körperfeindlichkeit in unserer Kirchengeschichte ist eine schwere Hypothek.

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Sexualität ist ein wunderbares, komplexes, dynamisches und – ja! – auch geiles Geschenk Gottes. Sie ist nicht zuerst gefährlich, sondern sehr gut.

Auch wenn die Bibel und wir Menschen die Abgründe kennen: An der Basis gilt es, die Schönheit nicht aus dem Blick zu verlieren.

»Purity Culture« gehört – hart – kritisiert. Jugendliche benötigen aufmerksame, individuelle Begleitung in sexualethischen Fragen durch mutige Zeugnisse und streitbare Werte von Erwachsenen. Wer weiß, dass Jugendliche heute vermehrt von sich denken »Ich bin ein Fehler« – statt zu sagen »Ich mache Fehler« –, wird keinen Anforderungskatalog an sie stellen, sondern Fragen. Ich wünsche jedem jungen Menschen solche Erwachsenen an seiner Seite. Jesus ist es schon.

Gabriel Kießling ist Religions- und Sozialpädagoge sowie Fach- und Jugendreferent beim Weißen Kreuz.