
In jeder Klasse reden inzwischen Kinder lieber mit einem Chatbot als mit Gleichaltrigen, ein TikTok-Star hat noch nie ein Buch gelesen, und KI-Forscher sollen rauchen, um ihren Glauben an die Maschine zu beweisen. Aber zuerst:
Drei Gespräche
1. KI statt Freunde
Worum es geht: Forscher der University of North Carolina haben 2.342 Schüler der Klassen 6 bis 8 zweimal befragt. Innerhalb eines halben Jahres stieg der Anteil, der im letzten Monat KI genutzt hat, von 62 auf 75 Prozent.
Warum es relevant ist: Wer die KI als Vertrauten nutzte, fühlte sich später in der Schule einsamer. »In jeder Klasse sagen inzwischen zwei bis vier Kinder, dass sie lieber mit einem Chatbot reden als mit Gleichaltrigen«, sagt Mitautor Mitch Prinstein dem Wall Street Journal. Eine Mutter aus Pennsylvania merkte, dass ihre zwölfjährige Tochter die ganze halbe Stunde iPad-Zeit mit einem Bot verbrachte und dafür Anrufe ihrer Freundinnen ausschlug.
Auch bei uns ist das Thema angekommen: Laut Saferinternet.at sagt ein Viertel der Jugendlichen in Österreich, über Persönliches rede es sich mit einem Chatbot leichter als mit Menschen. In Deutschland nutzen fast acht Prozent der 10- bis 17-Jährigen KI gegen Einsamkeit, bei Jugendlichen mit depressiven Symptomen über 30 Prozent. Der Medienpädagoge Fabian Sauer erklärt, warum das so verlockend ist: »Chatbots erscheinen konstant verständnisvoll, haben aber keine eigene Haltung.«

💬 Frag deine Teens: Hast du einer KI schon mal etwas erzählt, das du keinem Menschen erzählt hättest? Was war daran leichter?
2. Nie ein Buch gelesen
Worum es geht: Auf die Frage nach dem letzten Buch, das sie gelesen hat, antwortete TikTok-Star Alix Earle (über 14,6 Millionen Follower auf TikTok und Instagram) in einem Kurzinterview des Interview Magazine: »Ich habe noch nie ein Buch gelesen. Vielleicht Dr. Seuss.« Das Netz empörte sich, Earle legte nach: In ihrem nächsten Video liest sie vor dem Schlafengehen ein Kinderbuch von Dr. Seuss.
Warum es relevant ist: In den USA lesen 15- bis 19-Jährige an einem durchschnittlichen Tag neun Minuten. Bei uns liest gut ein Drittel der 12- bis 19-Jährigen regelmäßig gedruckte Bücher, laut JIM-Studie seit zehn Jahren erstaunlich stabil, Mädchen deutlich öfter als Jungen (42 zu 28 Prozent). Der Einbruch zeigt sich bei den Jüngeren: Bei den 10- bis 15-Jährigen gab es 2025 fast ein Drittel weniger Buchkäufer als im Jahr davor, während bei den 16- bis 19-Jährigen, der BookTok-Generation, die Zahl der Käufer stieg (Börsenverein). Im Axis-Podcast fielen dazu zwei Gedanken. Erstens: Wie viele von denen, die sich über Earle aufregen, lesen selbst? Zweitens: Bücher haben Reibung. Ein Video läuft weiter, auch wenn du kurz abschweifst, ein Buch nicht. Wer liest, übt genau das, was wir der KI gern überlassen: dranbleiben, mitdenken, verstehen.

Ich glaube, in Wirklichkeit lesen weniger, denn die JIM-Zahlen beruhen auf Selbstauskunft. Bei uns liest eine freiwillig, eine bei Langeweile, die anderen beiden nur gegen Geld oder gar nicht. Die Leserin hatte zuletzt übrigens unser »Praxisbuch: Kirchenferne Jugendliche erreichen« in der Hand und fand es witzig. Wie ist das bei euch?
💬 Frag am Küchentisch: Welches Buch hast du zuletzt freiwillig zu Ende gelesen?
3. Worauf vertraust du?
Worum es geht: In der CBS-Sendung »Face the Nation« erzählte Shyam Sankar, Technikchef der Datenfirma Palantir, viele KI-Forscher hätten angefangen zu rauchen, um anderen zu zeigen, wie sehr sie an KI glauben. Die Logik: Ich bin so sicher, dass KI den Krebs heilen wird, dass ich alles auf diese Karte setze.
Warum es spirituell ist: Sankar meinte das als Spott. Er sprach von »Massenpsychose« und »sozialem Wahn« und beschrieb die KI-Szene als Ersatzreligion: Viele im Silicon Valley hätten das »gottförmige Loch« in sich mit dem »Maschinengott« einer Superintelligenz gefüllt. Ob wirklich jemand deshalb raucht, belegt er nicht. Anthropic-Chef Dario Amodei hatte im August geschrieben, das Versprechen, KI werde Krebs heilen, sei inzwischen ein Klischee. Überzeugen werde nur eins: ihn wirklich zu heilen.
Weitergedacht: Die Geschichte ist absurd, aber sie stellt eine gute Frage: Woran merkt man, was jemand glaubt? Jakobus schreibt über einen Glauben, der keine Werke aufweist: »Für sich allein ist er tot.« Echter Glaube zeigt sich im Leben, auch dort, wo er etwas kostet. John Wimber wird der Satz zugeschrieben: »Glaube buchstabiert man R-I-S-I-K-O.«
Gleichzeitig macht starker Glaube eine Sache noch nicht wahr. Tim Keller schreibt in »The Reason for God«, starker Glaube an einen schwachen Ast sei schwachem Glauben an einen starken Ast tödlich unterlegen.
Nicht die Stärke deines Glaubens rettet dich, sondern das, worauf er sich richtet.
Das Axis-Team hat dazu eine Parallele gezogen, die näher an unseren Teens ist als das Thema Rauchen: Wozu noch lernen, wenn die KI ohnehin alles weiß? Auch das ist eine Art Glaube an die Maschine. Man setzt auf eine versprochene Zukunft und vernachlässigt, was heute dran ist.
💬 Bring es ins Gespräch:
- Was hältst du davon, dass KI-Forscher angeblich rauchen, um ihren Glauben an KI zu zeigen?
- Wenn jemand nur an deinem Verhalten ablesen könnte, was du glaubst: Was würde er denken?
- Wie sähe es aus, für deinen Glauben etwas zu riskieren?
Gemeinsam für die nächste Generation,
Andy Fronius, in Zusammenarbeit mit Axis
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Kulturlandschaft
Zum Schluss noch ein kurzer Rundblick:
- Die Expertenkommission des Familienministeriums empfiehlt zweierlei: Social Media erst ab 13, mit Schutzstufen statt eines Verbots, und bis Klasse 7 keine privaten Handys in der Schule. Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe will das als Gesamtpaket umgesetzt sehen.
- Der Jugendhilfeausschuss in Karlsruhe will das ICF nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkennen, obwohl die Verwaltung es empfohlen hatte. Ein Tipp aus der Praxis: Viele Gemeinden gründen für ihre Jugendarbeit einen eigenen Verein, über den die Anträge laufen.
- Der erste Trailer zu Greta Gerwigs »Das Wunder von Narnia« spaltet, auch unter Christen: Meryl Streep spricht Aslan, der bei C. S. Lewis für Jesus steht. Ein Kritiker nannte das einen Schlag ins Gesicht von Lewis. Laut Empire bleibt Aslan aber ein männlicher Löwe mit Frauenstimme, so wie Bart Simpson von einer Frau gesprochen wird. Wir raten: erst hinschauen, dann urteilen. Kinostart ist der 11. Februar 2027.
- Debora und Daniel Höly sprechen in ihrem Podcast UNERHÖRT mit Betroffenen und Fachleuten über sexuelle Gewalt in Freikirchen, heute erscheint Folge 3 mit Ulrich Neuenhausen vom Forum Wiedenest. Den Beitrag »Schweigen schützt die Täter: sexuelle Gewalt in Freikirchen« findest du jetzt auf Pulse.
- Ab heute gibt es Pulse Trends auch auf Rumänisch, mit rumänischen Daten und Nachrichten. Kennst du Jugendleiter, Eltern oder Pädagogen in Rumänien? Anmelden können sie sich hier. Gib den Link gern weiter.
