Kurz gefasst: Eine Mutter will Ehrlichkeit erzwingen, ihr Mann schafft Raum dafür. Teenager brauchen Gelegenheiten, selbst zur Einsicht zu kommen. Fünf Fragen zur Selbstprüfung und eine für das Gespräch mit deinem Teenager.

Eine Szene aus unserer Küche

Ich möchte dir einen Blick in eine Szene aus unserem Familienalltag der vergangenen Woche gewähren. Ganz ehrlich, besonders schön war sie nicht.

Während ich das hier schreibe, sitze ich gemütlich in einem Café. Es ist offiziell Oktober, und hier in Colorado haben die Blätter angefangen, sich zu verfärben. Das heißt, ich darf endlich meine Gilmore-Girls-Seite ausleben und mir ein scheußliches Getränk mit Kürbisgeschmack gönnen. Draußen ist es sogar, ich wage es zu sagen, stürmisch. Ich liebe diese Jahreszeit, und eigentlich müsste in meiner Welt alles in Ordnung sein.

Ist es aber nicht.

Ich bin gestresst.

In der Stunde, die ich jetzt hier sitze, habe ich mindestens viermal innegehalten, um mir die verspannten Schultern zu massieren. Immer wieder spielt sich in meinem Kopf ein Streit ab, den ich gestern Abend mit meinem Teenager hatte.

Angefangen hat es in der Küche. Mein Mann und ich kochten gerade das Abendessen und erzählten einander von unserem Tag. Unser Teenager kam herein und reichte mir eine Mappe aus der Schule, die ich unterschreiben sollte. Ich erkannte sie sofort, denn unser anderer Teenager hatte dieselbe Mappe im Jahr zuvor bekommen. Ich kannte sie sogar ziemlich gut, denn in diese Mappe gehörte jede einzelne Woche eine Unterschrift der Eltern.

Das war nun interessant.

Denn die Mappe in meinen Händen, die ich offenbar jede Woche hätte unterschreiben sollen, sah ich in diesem Schuljahr zum allerersten Mal. Und das am Ende des Halbjahrs.

Du kannst dir wahrscheinlich denken, was dann kam.

Ich hatte Fragen. Nein, falsch, ich hatte SEHR VIELE Fragen.

Warum sah ich das jetzt zum ersten Mal? Hatte mein Teenager die Mappen etwa gar nicht abgegeben? Was bedeutete das für die Note? Ach, schauen wir doch gleich mal die Noten nach! Hatte er mit meinem Namen unterschrieben? Hatte er mich angelogen?

»Ach ja? Du hast den Stoff gelesen? Wiiiiiirklich?! Na gut, dann beweis es! Was passiert in Kapitel 4?«

Es eskalierte schnell.

Ehe ich mich versah, waren mein Teenager und ich festgefahren. Ich war frustriert und voller Vorwürfe. Mein Teenager ging in Abwehr, wurde patzig und machte dicht. Je mehr er sich zurückzog, desto mehr Fragen stellte ich. Und je mehr Fragen ich stellte, desto mehr zog er sich zurück.

Ich wollte Antworten. Ich wollte Ehrlichkeit. Ich wollte verstehen, wie es so weit kommen konnte! Nein, nein, nein … eigentlich wollte ich doch helfen. Ich wollte formen. Ich wollte prägen.

Das hier würde jetzt eine Lektion werden, und wenn es mich umbringt, SO WAHR MIR GOTT HELFE!

Es wurde nichts dergleichen.

Und genau in diesen Moment hinein möchte ich eine unserer Elternrollen vorstellen, den »Berater«.

Was mein Mann anders gemacht hat

Mein Mann hatte die ganze Zeit in der Küche gestanden und zugesehen, wie das Gespräch vor seinen Augen entgleiste.

In jeder Phase dieser Auseinandersetzung machte ich eine schlechte Figur. Meine Gefühle kochten hoch. Meine Vernunft war im Keller. Und bei meinem Teenager, dem ich doch so gern helfen wollte, hatte ich mich praktisch selbst aus dem Spiel genommen.

»Okay. Stopp«, sagte mein Mann. »Wir machen jetzt mal ganz langsam.«

Er sah unseren Teenager an. »Zuallererst, damit das ganz klar ist. In diesem Ton redest du nicht mit deiner Mutter. Hast du mich verstanden?«

Unser Teenager nickte.

»Okay. Jetzt hilf mir mal zu verstehen, wie es dir gerade geht.«

Es dauerte einen Moment, aber mein Mann blieb ruhig und ließ sich von der aufgeladenen Stimmung nicht anstecken, und so sank die Temperatur im Raum allmählich.

Mein Mann hielt eine Grenze fest, die bei uns zu Hause gilt (wie unser Teenager mit mir redet), aber dann schuf er, wie ein geübter Berater, Raum für das, was unter dem Verhalten lag. Und erst das ermöglichte es uns, wirklich zur Wahrheit zu kommen.

Die Wahrheit war, dass mein Teenager diese Mappen mit meinem Namen unterschrieben hatte.

Die andere Wahrheit war, dass er in die Küche gekommen war, um mir genau das zu gestehen. Aber die Art, wie ich von Anfang an auftrat, ließ ihn zurückschrecken und in Deckung gehen. Ich verlangte Ehrlichkeit von meinem Teenager, dabei war er, wenn auch nicht perfekt, in die Küche gekommen und hatte versucht, ehrlich zu mir zu sein.

Solange unsere Kinder klein sind, besteht Elternsein zu einem großen Teil darin, dass wir die Hauptlast tragen. Wir sehen voraus, was sie brauchen. Wir lösen ihre Probleme. Wir treffen ihre Entscheidungen. Wir binden ihre Schuhe, kontrollieren ihre Hausaufgaben und erinnern sie zum vierhundertsten Mal daran, dass Zähne tatsächlich jeden Tag geputzt werden müssen. Wir tragen so viel davon, weil sie einfach noch nicht so weit sind, es selbst zu tragen.

Dann kommen sie in die Pubertät, und ein Teil der Last muss umverteilt werden. Unsere Aufgabe verschiebt sich. Statt Dinge für sie zu tun, bringen wir ihnen bei, sie selbst zu tun.

Genau das ist die Spannung, die im Kern unserer Elternrolle als Berater steckt.

Wenn unsere Kinder ins Teenageralter kommen, brauchen sie Gelegenheiten, selbst zu merken, dass sie einen Fehler gemacht haben, und selbst damit zu ringen, was jetzt zu tun ist. Sie müssen lernen, Unangenehmes auszuhalten, ohne sofort davor wegzulaufen. Die Wahrheit zu sagen. Für das Richtige einzustehen, auch wenn es etwas kostet. Wiedergutzumachen, was sie kaputt gemacht haben, eine schwierige Entscheidung abzuwägen und zu erkennen, wann es Zeit ist, um Hilfe zu bitten. Wenn wir immer dazwischengehen und diese Arbeit für sie erledigen oder sie zu der Einsicht drängen, die wir längst für sie festgelegt haben, dann rauben wir ihnen die Chance, sich zu entwickeln, zu reifen und zu wachsen.

In seinem Buch »Age of Opportunity« (deutsch »Das (Alp)traum-Alter: Keine Angst vor Teenagern«) drückt Paul David Tripp es so aus:

»Das Ziel der Erziehung ist, uns selbst überflüssig zu machen … Das Ziel ist, dass [Gott] uns gebraucht, um in unseren Kindern eine immer reifere Selbstbeherrschung nach den Grundsätzen des Wortes zu verankern, und dass wir ihnen erlauben, in immer weiteren Kreisen Wahlfreiheit, Kontrolle und Unabhängigkeit auszuüben.« – Paul David Tripp, »Age of Opportunity«, Zitat aus dem Original übersetzt.

An jenem Abend in unserer Küche versuchte ich, meinen Teenager zur richtigen Einsicht zu drängen. Mein Mann dagegen schuf einfach die Voraussetzungen dafür, dass unser Teenager selbst zu dieser Einsicht kommen konnte.

Fragen für diese Woche

Diese Woche wollen wir ein wenig in uns gehen. Während wir in dieser Artikelserie unser Herz auf die Rolle als Berater einstimmen, denk über diese Fragen nach:

Wenn mein Teenager mit etwas Schwierigem zu mir kommt, will ich dann als Erstes verstehen, was in ihm vorgeht, oder lösen, was um ihn herum passiert?

Wie gut halte ich die unangenehmen Gefühle meines Teenagers aus? Wenn er wütend, enttäuscht, abwehrend, beschämt oder ängstlich ist, kann ich dann bei ihm bleiben, ohne das Gefühl sofort abzuwürgen oder wegdrücken zu wollen?

Wenn ich meinem Teenager Fragen stelle, bin ich dann wirklich neugierig auf die Antworten, oder will ich ihn zu der Antwort lenken, die ich vorher schon als die richtige festgelegt habe?

Wo trage ich vielleicht Lasten, die mein Teenager allmählich selbst tragen könnte?

Wenn mein Teenager mit einer verzwickten Sache zu mir kommt, macht meine Reaktion ihm Ehrlichkeit dann leichter, oder wünscht er sich hinterher, er hätte es mir lieber nicht erzählt?

Ausblick

Im nächsten Teil der Reihe gehen wir mit der geistlichen Übung des Zuhörens noch tiefer in unsere Rolle als Berater hinein.

💬
Für das Gespräch mit deinem Teenager: Wo in unserer Beziehung bin ich dir eigentlich keine Hilfe?

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In Zusammenarbeit mit Axis. Original: »The Age of Opportunity« von Brie Naughton, aus der Eltern-Mail »The One Conversation«. Deutsche Fassung: Esther Penner, Pulse-Team.