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Dieser Beitrag spricht offen über sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Hilfe und Anlaufstellen findest du am Ende.
Jeden Tag werden in Deutschland 54 Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellem Missbrauch. Es passiert überall: im Kindergarten, in Vereinen, in der Familie. Und im kirchlichen Kontext. Schon lange ist bekannt, dass ein Großteil der Missbrauchstaten im nahen sozialen Umfeld stattfindet, und trotzdem möchte niemand das Unglaubliche denken: dass Kinder sexuellen Missbrauch oft gerade dort erleben, wo sie eigentlich geschützt werden sollten, auch innerhalb christlicher Gemeinschaften.

»So etwas gibt es bei uns nicht. Das sind höchstens Einzelfälle«, heißt es immer wieder in freikirchlichen Kreisen, wenn es um das Thema sexueller Missbrauch geht. Betroffene und ihre oft jahrzehntelange Leidensgeschichte werden mit solchen Aussagen bagatellisiert und abgetan.

Dabei ist spätestens seit der Dunkhellziffer-Umfrage von 2024 klar, dass es sich auch in Freikirchen nicht um Einzelfälle handelt. Unter den 6.744 Teilnehmern der Online-Umfrage #Dunkhellziffer waren 1.034 Betroffene von sexualisierter Gewalt, davon 873 Betroffene, die heute in eine deutsche Freikirche gehen. Bei 466 Betroffenen kam auch der Täter aus einem freikirchlichen Umfeld.

Die Veröffentlichung der Umfrageergebnisse 2024 liefert Zahlen und detaillierte Betroffenenberichte, die eine angemessene Reaktion der freikirchlichen Landschaft und Leiter verdient hätten. Stattdessen: eisiges Schweigen.

Viele dieser Taten sind tatsächlich so grausam, dass es schwer ist, Worte dafür zu finden. Doch es ist genau dieses Schweigen und Wegschauen, das eine Aufarbeitung für Betroffene fast unmöglich macht. Und es ist die Sprachlosigkeit und das Schweigen, die begünstigen, dass Kinder erstmals oder erneut zu Opfern werden.

»Es kann nicht sein, was nicht sein darf«

Wie kann es also sein, dass auch zwei Jahre später weder christliche Medien noch Gemeinden oder Gemeindeverbände dazu Stellung genommen haben? Kein Wort zu den über 1.000 Betroffenen, kein Wort zu den Kindern, die Gewalt dort erfahren, wo sie eigentlich geschützt werden sollten.

»Es kann nicht sein, was nicht sein darf«, sagt die Betroffene Ille Ochs in der ersten Episode des jüngst erschienenen Podcasts UNERHÖRT. Im Podcast UNERHÖRT interviewen wir, Debora und Daniel Höly, sowohl Experten als auch Betroffene zum Thema sexuelle Gewalt in Freikirchen. Eine dieser Betroffenen ist Ille Ochs, die als Kind jahrelang von ihrem Vater Karl Strauch missbraucht wurde. Sie kennt auch den Vorwurf des Nestbeschmutzers, nachdem sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit ging.

Porträt von Ille Ochs
Ille Ochs ist in der ersten Folge von UNERHÖRT zu Gast. Foto: Daniel Höly
Folge 1 von UNERHÖRT: Wo war Gott, als du missbraucht wurdest, Ille Ochs?

»Nestbeschmutzer heißt, du stellst dir Gemeinde als einen Club von Heiligen vor, der irgendwie etwas Besseres ist als alle drumherum. Das ist für mich nicht das Evangelium«, sagt Ulrich Neuenhausen, Leiter des Forum Wiedenest, in der dritten Episode von UNERHÖRT. »Dieser Reflex, es unter der Decke zu halten und möglichst nicht bekannt werden zu lassen, also den Status, die Ehre zu schützen, ist sehr, sehr ausgeprägt, und der ist einfach falsch. Wir kommen hier nur vorwärts, wenn wir die Dinge öffentlich thematisieren.«

Porträt von Ulrich Neuenhausen
Ulrich Neuenhausen, Leiter des Forum Wiedenest, ist in der dritten Folge zu Gast. Foto: Daniel Höly
Folge 3 von UNERHÖRT: Wovor haben wir als Freikirchen Angst, Ulrich Neuenhausen?

Dieses Nicht-wahrhaben-Wollen und der Unwille, den Betroffenen zuzuhören, führen einerseits dazu, dass Betroffene sich allein gelassen fühlen und irgendwann nicht mehr den Mut haben, darüber zu sprechen. Andererseits führt es dazu, dass aus dem Fehlverhalten einzelner Personen ein strukturelles Problem werden kann. Denn wenn missbräuchliches Verhalten und das Schweigen darüber normalisiert werden, schützt das die Täter, während Betroffene im Stich gelassen werden.

Wir brauchen Mut

Sich der Realität zu stellen und zu akzeptieren, dass etwas so Schlimmes wie sexueller Missbrauch auch unter Christen geschieht, ist schwer. »Jeder, der mit diesen Themen zu tun hat, muss sein Weltbild in einer Weise korrigieren, wie er das eigentlich nicht möchte«, erklärt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Angelika Eibach-Bialas in der zweiten Episode von UNERHÖRT.

Porträt von Angelika Eibach-Bialas
Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Angelika Eibach-Bialas ist in der zweiten Folge zu Gast. Foto: Daniel Höly
Folge 2 von UNERHÖRT: Warum schweigen Betroffene so lange, Angelika Eibach-Bialas?

Anzuerkennen, dass innerhalb der Freikirchen so viele Menschen sexualisierte Gewalt erfahren haben, verlangt sehr viel Mut. Denn in dem Moment gerät das eigene Weltbild ins Wanken, nicht selten auch der Glaube und das Gottesbild. »Es wird der Ruf der Gemeinde geschützt. Was sollen denn dann die Menschen denken? Dann werden die ja vor den Kopf gestoßen. Da kommt jemand aus der Gemeinde in den Knast. Und was ist dann? Dann ist ja auch Jesus beschmutzt. Das ist der Punkt. Aber Jesus hat es nicht nötig, geschützt zu werden«, sagt Ille Ochs.

Wenn aber das reflexartige Augenverschließen und die schnelle Vergebung keine Option mehr sind, was bleibt dann? »Ich bin überzeugt: Menschen treten nicht aus, weil wir uns den Problemen stellen, sondern wenn sie das Gefühl haben, dass wir wegschauen. Es bringt nichts, wenn wir den Deckel so lange draufhalten, bis alles explodiert. Das Risiko ist größer, wenn wir nichts tun«, sagt Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Nicht länger wegschauen

Die Verantwortung, das Schweigen zu brechen, liegt dabei nicht bei den Betroffenen. Die Betroffenen haben durch ihre Teilnahme an der Dunkhellziffer-Umfrage einen großen Schritt ins Licht gewagt. Manche von ihnen haben das erlebte Unrecht zum ersten Mal beim Namen genannt. Es ist jetzt an uns, ob auch wir einen Schritt auf die Betroffenen zugehen und ihren Worten Gehör und Glauben schenken. Es ist an der Zeit, noch stärker Verantwortung zu übernehmen, auch und gerade vonseiten der freikirchlichen Gemeindeleiter und Verbände.

»Ich wünschte mir noch sehr viel mehr Hingucken. Da ist noch viel Luft nach oben. Ich wünschte mir ein wirkliches Schuldbekenntnis. Das hat nicht stattgefunden. Es fehlt das kollektive Bewusstsein dafür, dass wir schuldig geworden sind«, sagt Ille Ochs zum Ende des Podcasts. Sie ist eine der wenigen, die den Mut hat, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und Dinge beim Namen zu nennen. Sie tut es stellvertretend für all diejenigen, die keine Worte finden oder die durch die Folgen des Missbrauchs nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen.

Angst darf uns nicht hindern

Der Jesuit Klaus Mertes tat einen mutigen Schritt, als er im Januar 2010 in einem Brief die Missbrauchsbetroffenen des Berliner Canisius-Kollegs um Vergebung bat. Als Erster stellte er sich unmissverständlich hinter die Betroffenen. Die Veröffentlichung des Briefes und der ersten Missbrauchsfälle löste eine Lawine aus. Mertes erkannte: »In der katholischen Kirche ist eine große Krise sichtbar geworden. Meine Hoffnung ist, dass das derzeitige System erneuert wird. Voraussetzung dafür ist: Wir müssen darüber sprechen, was uns Angst macht. Denn die Angst hindert uns zu hören, was uns die Opfer sagen.«

Ulrich Neuenhausen spricht in der dritten Episode über die strukturellen Unterschiede zwischen der katholischen Kirche und Freikirchen. Freikirchen seien vor allem sehr familiär geprägt, und genau diese Freikirchen bieten »Tätern, die Täter sein wollen, ein ideales Umfeld«, warnt der Leiter des Forum Wiedenest.

Als Freikirchen müssen wir uns entscheiden, auf welcher Seite wir stehen wollen. Schweigen ist keine Neutralität, Schweigen schützt die Täter und fördert, was im Gange ist. Die Betroffenen haben ihr Schweigen gebrochen und wünschen sich, gehört zu werden.

Kinder verdienen einen besonderen Schutz

Dabei sollten wir beachten, dass die meisten Betroffenen zum Zeitpunkt der Tat noch Kinder waren. Kinder, die Jesus selbst ganz besonders in Schutz nimmt: »Wer aber einen solcher Geringgeachteten, die an mich glauben, zu Fall bringt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins tiefe Meer geworfen würde« (Matthäus 18,6). In ihrem ergänzenden Kommentar »Wir opfern unsere Kinder« warnt Ille Ochs eindringlich vor den verheerenden Folgen.

Wenn dir als Elternteil, Jugendmitarbeiter oder schlicht Mensch der Schutz unserer Kinder und Jugendlichen auch am Herzen liegt, dann kannst du dir die Umfrageergebnisse auf dunkhellziffer.de herunterladen und dir den Podcast UNERHÖRT anhören und mit Freunden teilen. Damit die Betroffenen nicht länger genau das bleiben: unerhört.

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Hilfe und Anlaufstellen
Deutschland: Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch, 0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym), hilfe-portal-missbrauch.de, Online-Beratung bei schreib-ollie.de
Schweiz: Beratung für Kinder und Jugendliche unter 147 (147.ch), Opferhilfe-Beratungsstellen über opferhilfe-schweiz.ch
Österreich: Rat auf Draht, 147 (rund um die Uhr, anonym und kostenlos), rataufdraht.at
Anlaufstellen der Freikirchen und Gemeindeverbände: dunkhellziffer.de/anlaufstellen

Ein Gastbeitrag von Debora Höly. Sie ist freie Journalistin, Publizistin und Podcasterin und recherchiert seit 16 Jahren zum Thema sexuelle Gewalt. Gemeinsam mit Daniel Höly hat sie 2024 die Umfrage #Dunkhellziffer veröffentlicht und produziert den Podcast UNERHÖRT.