Porträt eines Traubensaft-Tatorts
Und die fruchtbaren kahlen Stellen.
Ich sitze hier, um den Artikel für diese Woche zu schreiben, und muss die ganze Zeit an Irenes Artikel von letzter Woche denken.
Die heranstürmende Herde in ihrer Brust, wenn das Jahresende näher rückt. Der dreimal aufgewärmte Kaffee und die Kapselmaschine, die jault, zischt und gurgelt, bis sie sich ergibt. Das Kind am Esstisch, das hinter dem Laptop hervor ein »Wow! Das ist ja super. Total. So cool!« zu hören bekommt.
Ich dachte nur … Irene … wo in meinem Haus hast du dich versteckt …?
Hand hoch, wer sich persönlich ertappt gefühlt hat!? (Alle Hände sind oben. Bei mir sogar beide. Das hier tippe ich mit der Nase.)
Aber woran ich immer wieder hängen bleibe, ist das Gebet, das Irene an die Küchenarbeitsplatte gelehnt geflüstert hat. Die Bitte an Jesus, unseren wunderbaren Berater, sie doch wirklich zu beraten.
Lass mich erkennen, was meine Aufgabe ist und was ich loslassen darf.
An dieser Zeile kaue ich jetzt schon die ganze Woche.
Bei mir läuft dieses Gebet meistens andersherum. Ich lasse los, was MEINE Aufgabe wäre (zum Beispiel vom Bildschirm aufzusehen, wenn mein Kind mit mir redet), und kralle mich an alles, was ich gar nicht festhalten müsste.
Ich weiß, es ist erst Oktober. Aber ich weiß auch, dass unsere Gedanken schon Richtung Dezember wandern, während im Supermarkt schon die ersten Lebkuchen liegen.
Bis zum Advent sind es noch ein paar Wochen (er beginnt am 29. November), aber ich möchte noch ein wenig bei der zweiten Hälfte von Irenes Gebet bleiben:
Was darf ich loslassen?
Ganz ehrlich, Loslassen gehört nicht zu meinen geistlichen Gaben. Ich halte an Dingen fest. Und wenn Gott anfängt, mir die Finger zu lösen, ist mein erster Impuls nicht, ihm zu vertrauen. Sondern noch fester zuzupacken.
In der Nacht vor dem Kreuz, als sich der Obersaal leerte, ging Jesus mit seinen Freunden durch die Dunkelheit. Das ist natürlich nur meine Vorstellung, aber ich sehe sie vor mir, wie sie über die Hügel ziehen, vorbei an den vertrauten Orten der Gegend. Ich sehe sie an einem Hang mit Weinstöcken vorbeigehen, und vielleicht fällt Jesus auf, wie einer seiner Jünger mit den Fingern über ein Blatt streicht. Und dann sagt er:
»Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er weg, und jede, die Frucht bringt, schneidet er zurück. So wird sie gereinigt, damit sie noch mehr Frucht bringt.« (Johannes 15,1-2)
Weil der Winter vor der Tür steht, habe ich nachgeschaut, wie Weinberge um diese Jahreszeit aussehen. Ein Weinberg im Winter sieht aus wie ein Tatort. Reihen knorriger, kahler Stümpfe, und die grünen Triebe vom letzten Jahr liegen in Haufen auf dem Boden oder sind ganz unter Schnee begraben.
Auch fruchtbare Reben werden zurückgeschnitten. Gerade die, die eine ganze Saison lang gearbeitet haben.
Beschneiden ist keine Strafe. Es ist Zuwendung. Der Weingärtner schneidet Gutes weg, damit Besseres kommen kann.
Manchmal kommt der Rat unseres wunderbaren Beraters mit der Rebschere.
Wenn der November kommt und sich der Kalender Kästchen für Kästchen füllt, lautet die wichtigste Frage für uns vielleicht nicht »Wie kriege ich das alles unter?«, sondern »Was möchte der Weingärtner, dass ich loslasse, damit ich wirklich da sein kann?«
Ist es eine Erwartung, vielleicht sogar an diese Jahreszeit? Ist es eine Tradition, die in Wahrheit zur Last geworden ist? Vielleicht ist es der Druck, dass diese Zeit zauberhaft aussehen muss (hier, ich!). Oder die quälende Unruhe, denen, die wir am meisten lieben, helfen zu wollen, sie reparieren zu wollen.
Machen wir uns nichts vor. Beschneiden. Tut. Weh.
Manchmal war das, was weggeschnitten wird, zu seiner Zeit wirklich gut, und dann ist es in Ordnung, darum zu trauern.
ABER.
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Hand mit der Schere dieselbe Hand ist, die uns überhaupt erst gepflanzt hat. Er schneidet nicht achtlos. Er schneidet präzise wie ein Chirurg. Sein Ziel ist nicht, uns kleiner zu machen. Sondern fruchtbar.
Auch unsere Teenager erleben Zeiten des Beschneidens. Der Anlass sieht bei ihnen vielleicht anders aus als bei uns, aber der Schmerz ist vertraut. Und weißt du was? Genau das öffnet uns eine Tür.
Natürlich müssen wir als Eltern dem Drang widerstehen, Reben wieder anzukleben, die der Herr gerade beschneidet. Ein guter Berater repariert nicht den Weinstock. Ein guter Berater setzt sich zu den wunden Stellen, die das Beschneiden freigelegt hat, und lenkt den Blick zurück auf den guten Weingärtner.
Wenn Jesus zu seinen Jüngern sagt: »Bleibt in mir, und ich bleibe in euch!« (Johannes 15,4), dann sagt er das nicht nur einmal. Wie alle Eltern wiederholt er sich, immer und immer wieder, damit es auch wirklich ankommt. Eine Rebe bringt keine Frucht, indem sie sich anstrengt. Sie bringt Frucht, indem sie einfach verbunden bleibt.
Der Advent ist eine Zeit des Wartens. Und Warten sieht oft aus wie ein Weinberg im Winter. Aber der Weinstock lebt noch, und die Verheißung auch.
Der Frühling kehrt immer in den Weinberg zurück. Die kahlen Stellen füllen sich. Und die Frucht hängt wieder schwer.
Gesprächseinstiege
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In Zusammenarbeit mit Axis. Original: »I can’t stop thinking about Irene’s email« von Brie Naughton, aus der Eltern-Mail »The One Conversation«. Deutsche Fassung: Esther Penner, Pulse-Team.
