In The Same Way – Genauso wie er (E-Book)
Als ich Jugendarbeit mit Young Life gemacht habe, hatte ich ein Vorrecht, das ich damals gar nicht richtig einordnen konnte: einen Spiritual Director. Ronnie Smith und ich trafen uns über Jahre regelmäßig. Kein Programm, keine Agenda. Er hörte zu, stellte Fragen und half mir zu sehen, was Gott gerade in meinem Leben tat. Erst später habe ich verstanden, wie selten so etwas ist.
Ronnie ist kein Influencer. Du findest online nicht einmal ein Foto von ihm, und auf der Website seines Buchs kürzt er seinen Namen bescheiden zu »R.A. Smith« ab. Dafür bringt er mit, was laute Stimmen selten haben: Jahrzehnte in der Jugendarbeit, Erfahrung in der Begleitung von Menschen im Drogenentzug und eine Tiefe, die man nicht googeln kann. Die Inhalte, mit denen er mich damals begleitet hat, hat er irgendwann in ein schmales Buch gepackt: In The Same Way. Hier liest du die komplette deutsche Ausgabe, Kapitel für Kapitel.
Der Buchtitel ist übrigens ein Bibelvers. Er stammt aus dem ersten Johannesbrief, wo es wörtlich heißt, wir sollen »in the same way« leben und gehen, wie Jesus es getan hat:
»Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll so leben, wie er gelebt hat.« — 1. Johannes 2,6 (Luther 2017)
Genauso wie er. Darum geht es in diesem Buch.
Das Bild, das alles zusammenhält
Wie wir denken und was wir glauben, formt, wie wir leben. Das ist die Grundüberzeugung des Buchs. Deshalb beginnt Ronnie nicht bei Methoden oder Programmen, sondern bei den Paradigmen, die unser Glaubensleben tragen. Sein Bild dafür: eine Pyramide aus Steinen, die Kapitel für Kapitel wächst.

Das Fundament heißt Kontext (Kapitel 1 bis 4). Bevor es um uns geht, geht es um Gott: Er handelt in dieser Welt, um seinen heiligen Namen groß zu machen (Hesekiel 36). Er tut es mitten in einem Kampf zwischen Gut und Böse, der uns in eine unsichtbare Wirklichkeit hineinzieht. Und der Muskel, der uns auf dieser Pyramide nach oben bewegt, heißt Glaube.
Die zweite Ebene ist das Kreuz, das Evangelium (Kapitel 5 bis 7). Hier wird Ronnie provokant: Vergebung ist nicht das ganze Menü, sie ist die Vorspeise. Das Evangelium schenkt außerdem Freiheit und, vielleicht am meisten übersehen: Gott in uns, Gottes Gegenwart, die in uns wohnt.
Dann wird es persönlich (Kapitel 8 und 9). Hingabe kommt vor Nähe, deshalb steht sie vor der Nachfolge. Und an der Spitze steht kein Prinzip, sondern eine Person: Jesus.
Das Buch eignet sich auch gut für Kleingruppen oder als roter Faden für Mitarbeitergespräche, genau so hat Ronnie es mit mir benutzt.

Heiliger Name
Es geht zuerst um Gottes Namen, nicht um dich
Was ist das Erste, was wir am Anfang jedes Star-Wars-Films sehen? Der große Lauftext, der uns den entscheidenden Kontext liefert, um die Geschichte zu verstehen, die wir gleich sehen werden. Er verrät uns ein Stück Vorgeschichte. Er sagt uns, was auf dem Spiel steht. Oft braucht es genau das, um eine gute Geschichte angemessen zu erzählen: Man muss die Bühne bereiten. Man muss Kontext geben. Sonst fühlt sich der Zuschauer schon in der ersten Szene verloren und versucht den Rest der Geschichte über aufzuholen. Oder schlimmer: Er versteht zentrale Elemente der Handlung falsch.
Die Bibel erzählt eine Geschichte. Es ist eine große Geschichte der Erlösung. Es ist die Geschichte von Gott und den Menschen, von Schöpfung und Fall, von Abraham und den Erzvätern, von Mose und dem Gesetz, vom Weg Israels und vom Kommen von Jesus, und von unserer Rettung. In der Bibel liegt eine Verheißung von Leben und eine Verheißung für die Zukunft. Es ist eine GROSSE Geschichte. Eine Geschichte, in deren Mitte Gott und Jesus sitzen, und die doch in vielerlei Hinsicht auch unsere Geschichte ist.
Aber ich bin nicht sicher, ob sie schon die ganze Geschichte ist. Ich bin nicht einmal sicher, ob sie in vollem Umfang Gottes Geschichte ist. Ich denke, Gottes Geschichte ist größer.
Die Schriften erzählen die Geschichte unserer Menschheit, aber sie scheinen immer wieder auf eine größere Geschichte anzuspielen, ohne je herauszurücken und uns alle Details zu geben. Sie geben uns gerade genug, um zu schließen: Die größere Geschichte existiert. Und wenn wir diese größere Geschichte erfassen könnten, wäre sie eine unglaubliche Hilfe, um unsere eigene zu verstehen. Sie würde uns sagen, wie wir hineinpassen. Sie würde einige der Warum-Fragen erklären. Diese größere Geschichte würde uns ein Stück Kontext liefern, für uns und für die kleinen Geschichten, die wir jeden Tag leben.
Ich will gleich dazusagen: Gott hat mir weder die größere Geschichte noch ihren Kontext auf magischen Steintafeln offenbart. Aber er hat uns von Anfang an Hinweise geschickt, Brotkrumen, damit wir einen Schimmer erhaschen, eine Ahnung bekommen.
Die Frage des Torwächters
Bevor ich dich in die Bibel einlade, lass mich dir ein kleines Bild für diesen Gedanken zeigen. 1876 schrieb George MacDonald, ein schottischer Pastor und Schriftsteller, einen Roman über einen jungen Hilfspfarrer, der einen unwahrscheinlichen Mentor findet: einen Torwächter, einen kleinwüchsigen Mann namens Polwarth. (Falls dir der Name bekannt vorkommt: Nach dieser Figur hat Ronnie später seinen Dienst benannt.) Was folgt, sind Teile von zwei Gesprächen zwischen Polwarth und dem unerfahrenen Pfarrer Wingfold. Denk daran: Es ist nur ein Bild, eine Analogie. Polwarth beginnt:
»Lass mich dir eine Frage stellen, damit die Art dessen, was ich sagen will, klar wird: Sag mir, wenn du kannst: Wozu ist Jesus, nach seinem eigenen Zeugnis über sich selbst, in erster Linie gekommen? Wohlgemerkt, ich sagte: in erster Linie. Ich denke, du wirst mit der Zeit selbst zum selben Schluss kommen. Ein ehrlicher Mensch wird am Ende nie verfehlen zu erfassen, was Jesus meint, wenn er nur lange genug Jesu Leben und Lehre studiert. Ich habe ihn irgendwo beschrieben gesehen als einen Mann, den eine große Leidenschaft beherrschte. Aber eine andere Leidenschaft war das Licht seines Lebens, und sie überstrahlte selbst das, was allein schon genug gewesen wäre, ihn sein Leben hingeben zu lassen.«
Also: Was ist der primäre Grund, aus dem Christus in die Welt kam? Das ist eine Grundfrage, die jeder Gläubige beantworten können sollte. Was war die Leidenschaft, die sein Leben beherrschte? Die Frage führt uns zum Hauptthema der größeren Geschichte, und die Antwort auf die Frage liegt im Zentrum ihrer Handlung.
Wenn wir von unserer menschlichen Geschichte her denken, sind wir versucht zu glauben, die größere Geschichte handle von uns. Dass wir im Zentrum der Geschichte sitzen und Jesus kam, um uns zu retten. Genau das war auch die Antwort des jungen Pfarrers. (Polwarth beantwortet seine Frage übrigens bewusst nicht selbst. Er lässt Wingfold die Antwort allein entdecken. Und als Wingfold sie schließlich entdeckt, ist sie zehnmal kraftvoller. Die Wirkung wird sein Leben verändern.)
Hesekiel 36: die Bühne der größeren Geschichte
Innerhalb der Bibel finden wir die klarste Darstellung dieser größeren Geschichte, denke ich, in Hesekiel 36 und dem neuen Bund zwischen Gott und seinem Volk. Ich mag diese Stelle, weil sie rund 550 Jahre vor der Geburt von Christus liegt. Sie gibt uns einen alttestamentlichen Blick auf das, was Gott mit dem Kommen des Messias tun würde. Sie stellt die gute Nachricht des Evangeliums von Jesus in einen größeren Zusammenhang: Das Erlösungswerk von Christus fließt buchstäblich aus dem heraus, was Gott in der Geschichte des Alten Testaments und auf dem Weg Israels tut. Lass mich die Bühne bereiten.
Gott hatte in 5. Mose sein Gericht angekündigt. 722 v. Chr. benutzte er die Assyrer, um dieses Gericht zu vollstrecken: Sie kamen, besiegten das Nordreich Israel und verschleppten die Überlebenden als Sklaven. Das Südreich Juda wurde nur durch den zögerlichen Glauben von König Hiskia verschont (Jesaja 36-37). Doch Juda blieb ungehorsam, und 605 v. Chr. wurden der Prophet Daniel und andere von König Nebukadnezar unterworfen und nach Babylon gebracht. 586 v. Chr. richtete Gott Juda und Jerusalem endgültig: Die Stadt und der Tempel wurden zerstört, die meisten übrigen Israeliten in die Gefangenschaft nach Babylon geführt.
In dieser Gefangenschaft prophezeit Hesekiel der Nation Israel. Es ist wohl der Tiefpunkt ihrer Geschichte: Die Israeliten sind verbannt und ohne Hoffnung. Den größten Teil des Buchs legt Hesekiel ihre Sünde dar, die Sünde der anderen Völker und die vielen Gründe, warum Gott sie züchtigt.
Dann, in Kapitel 36, gibt Hesekiel dem Volk Israel Hoffnung. Im Kern sagt Gott:
»So spricht Jahwe, der Herr: Ich mache es nicht wegen euch, ihr Leute von Israel, sondern ich greife wegen meines heiligen Namens ein. Ihr habt ihn bei allen Völkern in Verruf gebracht, zu denen ihr gekommen seid.« — Hesekiel 36,22
Halte hier kurz an. Verpasse das nicht. Gott ist dabei, etwas Erstaunliches zu tun. Etwas, das im Kommen des Messias, Jesus, gipfeln wird. Und warum wird Gott das tun? Wegen seiner großen Liebe zu seinem erwählten Volk Israel? NEIN! Wegen seiner unbegreiflichen Liebe zur kommenden Kirche? NEIN! Wegen seiner verrückten, leidenschaftlichen Liebe zu dir und mir? NEIN!
Hier bekommen wir Einblick in das, was Gott bewegt, zu tun, was er tut. Sein heiliger Name ist das Thema der größeren Geschichte. Ich sage nicht, dass Gott uns nicht liebt. Er liebt uns. Die Bibel erklärt es wieder und wieder. Aber ich sage, dass es einen Grund gab, aus dem er uns geliebt hat: Gottes Sorge um seinen heiligen Namen ist ein gewichtiges Stück der größeren Geschichte, und sie gehört zu dem Grund, aus dem er uns erwählt hat zu lieben.
Diese Offenbarung zeigt deutlich, wer im Zentrum steht. Israel ist nicht das Zentrum dieser Geschichte. Die Kirche ist nicht das Zentrum. Die kleinen Geschichten, die wir jeden Tag leben, sind nicht das Zentrum.
Gottes heiliger Name sitzt im Zentrum und treibt die Geschichte an.
Ich muss gestehen: Wenn ich das höre, bin ich erleichtert. Es gibt einen Teil unserer Seele, der weiß, dass wir für die Verantwortung, die größere Geschichte zu tragen, nicht gemacht wurden. Und er liebt es, sie abzugeben.
Der kürzeste Satz über das große Bild
Der nächste Vers ist, was ich für die kürzeste, dichteste Beschreibung des großen Bildes in der ganzen Bibel halte. Gott sagt der Nation Israel, und uns:
»Und wenn ich mich vor den Augen der Völker an euch als heilig erweise, spricht Jahwe, der Herr, werden auch sie erkennen, dass ich es bin: Jahwe!« — Hesekiel 36,23
Das ist das große Drama, das Gott schreibt, produziert und inszeniert. Es ist ein riesiges Vorrecht, dass er uns dafür ausgewählt hat. Wir haben es nicht verdient, wir wurden auf der Grundlage von Gnade ausgewählt. Aber es ist trotzdem eine bedeutende Rolle. Und sie ist unsere Bestimmung. Sie ist der Grund, warum wir ausgewählt wurden.
Ein himmlisches Publikum
Das letzte Element des großen Stücks hängt damit zusammen, wer zuschaut. Gott macht seinen Namen heilig, wie schon früher in der Passage angekündigt: Er verspricht, seinen Namen durch Israel vor all diesen Völkern zu heiligen. Diese Zusage hat einen Zukunftsaspekt, der noch nicht erfüllt ist, einen Aspekt, der dich und mich und alle Gläubigen betrifft. Er reicht bis ins Neue Testament und bis in unsere Tage. Das Leben von Christus ist ein Zeugnis an alle Nationen, und am Ende wird sich jedes Knie beugen (Philipper 2,9-11). Du und ich und alle Gläubigen vor uns sind Lichter, die mitten in einer verdrehten Generation leuchten (Philipper 2,14-17). Und wenn Jesus uns beten lehrt, beginnt er mit dem Gedanken, der uns antreiben und motivieren soll: Geheiligt werde dein Name.
Aus der Perspektive der sichtbaren Welt mag das alles klein wirken, aber nicht aus der Perspektive der unsichtbaren. Gott wird sein Werk nicht nur vor den Augen der Nationen tun, sondern sogar vor den Augen der Engel. Die Geschichte ist größer, als du dir vorstellen kannst! Gott erlöst uns, und er tut es vor Engeln und Dämonen. Alle schauen zu. Nichts ist verborgen.
Wenn wir in unseren geheimen Kammern sündigen und denken, niemand sieht es, niemand wird verletzt, dann irren wir uns. Alles liegt offen. Jeder Moment zählt. Paulus sagt es so: Gottes Absicht war, dass jetzt durch die Gemeinde die vielfältige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten in der Himmelswelt bekannt gemacht wird, nach seinem ewigen Vorsatz (Epheser 3,10-11).
Gottes Geschichte wird vor einem himmlischen Publikum gespielt. Willkommen in der größeren Geschichte. Willkommen im Kontext. Und wir sind immer noch nicht fertig.
Wer macht hier eigentlich die Arbeit?
Das Beste habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Kehren wir zur Passage zurück und fragen: Wer tut hier das Werk? Gott wird seinen Namen heilig machen. Er selbst. Wenn es um unsere Beteiligung und unsere Rolle geht: Gott wird sein Werk tun. Lies selbst, und achte auf das Wort, das sich immer und immer wiederholt:
»Ich werde euch also aus den Völkern herausholen, euch aus allen Ländern einsammeln und euch auf euren Grund und Boden zurückbringen. Dann werde ich reines Wasser auf euch sprengen und euch so von allem Dreck und allen Götzen reinigen. Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist: Das versteinerte Herz nehme ich aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges dafür. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und euch nach meinen Rechtsbestimmungen richtet. Ihr werdet in dem Land wohnen, das ich euren Vorfahren gegeben habe. Ihr werdet mein Volk sein, und ich, ich werde euer Gott sein! Ich werde euch von allem Sündenschmutz befreien.« — Hesekiel 36,24-29
Diese Verse beschreiben, wie Gott unsere Leben gebrauchen wird, um seinen Namen heilig zu machen. Hast du es bemerkt? Ich werde. Ich gebe. Ich lege. Wieder und wieder. Es ist genau das Wortpaar, das im englischen Original den Takt vorgibt: I will, ich werde es tun. Gott ist es, der handelt. Das nennt man einen bedingungslosen Bund: Seine Erfüllung ruht ganz und gar auf den Schultern Gottes. Das ist ein radikal anderes Paradigma als das, unter dem wir Christen üblicherweise unterwegs sind. Es gibt nichts zu verdienen, nur eine Einladung, in das einbezogen zu werden, was Gott tut. Eine Einladung zu einem Leben jenseits unserer kühnsten Träume.
Und zur Erinnerung: Es lag schon immer auf seinen Schultern. Gott hat immer für seinen Namen gearbeitet.
Alles, was wir je getan haben, war eine Antwort auf etwas, das Gott bereits angestoßen hatte.
Das ist von Anfang an das Fundament gewesen. Gott führte die Nation Israel aus Ägypten, und das Volk folgte. Gott sprach durch die Propheten, und Israel hörte nicht. Christus kam und starb am Kreuz, und wir antworten mit Glauben. Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat (1. Johannes 4,19). Das ist der Grundrhythmus des Lebens mit Gott.
A.W. Tozer spricht in The Pursuit of God über diesen Rhythmus:
»Die Lehre der zuvorkommenden Gnade besagt, kurz gefasst: Bevor ein Mensch Gott suchen kann, muss Gott zuerst den Menschen gesucht haben. Der Impuls, Gott nachzujagen, hat seinen Ursprung bei Gott. Wir jagen ihm nach, weil, und nur weil, er zuerst einen Drang in uns gelegt hat, der uns zur Jagd antreibt.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Eugene H. Peterson sieht in Working the Angles dasselbe Prinzip im Gebet:
»Der Anschein täuscht: Das Gebet ist niemals das erste Wort, es ist immer das zweite. Gott hat das erste Wort. Gebet ist antwortende Rede. Wesentlich für die Praxis des Gebets ist, sich diese Zweitrangigkeit voll bewusst zu machen: Das Gebet ist ein menschliches Wort und niemals das erste, niemals das primäre, niemals das anstoßende und formende Wort, einfach weil wir niemals zuerst sind, niemals primär.« — Eugene H. Peterson, Working the Angles
Diese Idee, dass Gott immer voraus ist, immer führt, immer einlädt, ist ein Grundbaustein der größeren Geschichte. Paulus sagt der Gemeinde in Korinth: »Gott sei Dank, der uns allezeit im Triumphzug des Christus mitführt und so durch uns an allen Orten den Duft seiner Erkenntnis verbreitet« (2. Korinther 2,14). Er führt immer. Wir antworten. Gott tut etwas. Er tut es für seinen heiligen Namen. Er sitzt im Zentrum der größeren Geschichte. Und er lädt dich und mich in diese Geschichte ein.
Zurück am Tor
Das nächste Gespräch zwischen Polwarth und Wingfold findet einige Zeit später statt. Der Pfarrer kommt früher als sonst und trinkt Tee bei den Polwarths:
»Erinnerst du dich, wie du mir einst die Frage gestellt hast, wozu unser Herr in diese Welt gekommen ist? Und du erinnerst dich, dass ich dir falsch geantwortet habe: Ich sagte, um die Welt zu retten. Nun, ich glaube, jetzt kann ich die Frage richtig beantworten, und im Lernen der wahren Antwort habe ich viel gelernt. Kam er nicht zuallererst, um den Willen seines Vaters zu tun? Stand nicht sein Vater immer an erster Stelle für ihn, und die Menschen danach?«
»Gut, dass du es weißt, denn du weißt, dass du recht hast. Jesus ist dir zehnmal wirklicher als Person, nicht wahr, seit du diese Wahrheit entdeckt hast?« — George MacDonald, Thomas Wingfold, Curate (1876)
Was hier passiert ist: ein Paradigmenwechsel im Kopf, ein Erwachen in der Seele. Die Geschichte ist größer geworden. Wir Menschen sind nicht länger das Zentrum der Geschichte; Gottes Ehre und Jesu Gehorsam gegenüber dem Vater rücken in dieses Zentrum, und die Geschichte handelt von Gott.
Genau das ist der Schlüssel zur Handlung der größeren Geschichte. Wenn jemand fragt: Was tut Gott heute in der Welt?, dann ist das die Antwort: Gott macht seinen Namen heilig. Irgendetwas muss geschehen sein, das Gottes Namen, seinen Charakter, sein Wesen infrage gestellt hat. Und Gott ist dabei, diese Fragen zu beantworten. Sich als heilig zu erweisen ist, was er tut, und es ist der primäre Grund, aus dem Jesus kam. Überrascht dich das? Rüttelt es an deinen Paradigmen?
In dieser Geschichte haben du und ich, die Kirche und Israel unseren Platz. Jesus, auch wenn sein Name bei Hesekiel noch nicht fällt, wird die Hauptrolle spielen. Er wird im Zentrum allen Geschehens stehen und im vollsten Sinn der Held sein. Und auch du und ich haben eine Rolle, ganz vorne auf der Bühne: Gott hat entschieden, uns mitten in das Drama zu stellen. Er wird sich durch uns heilig erweisen, vor den Augen von allen.
Das ist der erste Stein im Fundament der Pyramide.

Im nächsten Kapitel schauen wir uns an, in was für einer Umgebung diese Geschichte spielt: mitten in einem Kampf zwischen Gut und Böse.
Die Bücher aus diesem Kapitel
- The Pursuit of God von A.W. Tozer ist auf Deutsch als »Gottes Nähe suchen« erschienen. Du findest es beim SCM-Shop, bei Amazon, Thalia oder einer unabhängigen Buchhandlung.
- Working the Angles von Eugene H. Peterson ist bisher nur auf Englisch erhältlich.
- George MacDonalds Roman Thomas Wingfold, Curate (1876) gibt es auf Deutsch nur als gekürzte, vergriffene Bearbeitung (»Um Liebe und Barmherzigkeit«, Francke). Das englische Original ist gemeinfrei und kostenlos bei Project Gutenberg lesbar.

Kampf
Du stehst mitten in einem Kampf

Unsere Seele ist fasziniert vom Gedanken einer größeren Geschichte. Lass mich eine Frage stellen: Wie hat die Geschichte angefangen? Wenn dich jemand fragen würde, wann deine Geschichte begonnen hat, was würdest du antworten? Würdest du uns zu deiner Geburt zurückführen, dem Tag, an dem alles anfing? Oder zu dem Moment, in dem du Christus vertraut hast, dem Tag, an dem du dich entschieden hast, Jesus zu folgen?
Wir neigen dazu, die Dinge durch die Brille unserer eigenen Augen zu sehen, durch die sichtbare Welt, in der wir leben. Aber was, wenn du Gott diese Frage stellen würdest: Wann hat deine Geschichte begonnen? Wie würde er antworten? »In Christus hat er uns schon vor Gründung der Welt erwählt, einmal heilig und tadellos vor ihm zu stehen« (Epheser 1,4). Irgendwie kannte Gott uns und hat mit uns angefangen, bevor der Grundstein der Erde gelegt war.
Wann hat die größere Geschichte begonnen?
Und wenn unsere Geschichte in die größere Geschichte gehört: Wann hat dann die größere Geschichte begonnen? Wann begann das Drama, das der Herr schreibt, produziert und inszeniert? Unsere Antworten fallen unterschiedlich aus. Die meisten von uns gehen wahrscheinlich zu 1. Mose 1: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Aber das ist eine Antwort der sichtbaren Welt. Andere sagen: Wegen der Ewigkeit Gottes, des Alpha und Omega, gibt es keinen Anfang. Das ist korrekt und theologisch sauber. Aber jede Geschichte, jedes Drama braucht irgendwo in der Zeit einen Anfang. Es gibt keine definitive Antwort im Stil von »5000 v. Chr.«. Ich stelle die Frage aus einem anderen Grund: Ich will uns über die Antwort der sichtbaren Welt hinausbewegen, denn dort liegt der Kontext.
Was war vor der Erschaffung des Universums? Wir wissen nicht viel, aber die Bibel gibt uns ein paar Hinweise. Bevor das Universum geschaffen wurde, existierte Gott. Vater, Sohn und Heiliger Geist hatten Freude aneinander. Da war Beziehung. Aber gab es sonst noch etwas? Was war das Erste, das Gott geschaffen hat? Gute Frage. Wieder keine definitive Antwort, aber wir haben Hinweise. Als Jesaja und Johannes jeweils in einer Vision vor den Thron Gottes gehoben werden, schweben dort Wesen über dem Herrn und singen: »Heilig, heilig, heilig!« (Jesaja 6,3; Offenbarung 4,8). Und sie singen es Tag und Nacht. Wir dürfen schließen: Sie singen es schon fast ewig. Aber sie sind keine ewigen Wesen, also müssen sie geschaffen worden sein. Ich denke: Bevor Gott die Erde schuf, schuf er die Engel. Das ist Kontext zur größeren Geschichte.
Was wir über Engel wissen
Hier ist ein wenig von dem, was wir über Engel wissen. Es ist natürlich keine vollständige theologische Zusammenfassung. Wir wissen: Sie sind Boten und Diener Gottes, wie bei der Botschaft an Maria (Lukas 1,28). Wir wissen: Wenn Menschen Engeln zum ersten Mal begegnen, ist unsere natürliche Reaktion Furcht, wir fallen auf die Knie, wie die Hirten bei der Geburt von Jesus (Lukas 2,8-9) oder Bileam mit seiner Eselin (4. Mose 22,31). Wir wissen: Sie sind viel mächtiger als wir. Und es gibt keinen Bericht davon, dass Gott je in einem Engel gewohnt oder sich mit einem vereint hätte.
Und wir wissen: Es gab einen Engel namens Luzifer, der sich anschickte, dem höchsten Gott gleich zu sein (Jesaja 14,12-14). Er wurde aus dem Himmel geworfen, hinab zur Erde. Wir kennen ihn als den Teufel. Sein Stolz ist die Wurzel allen Übels. Es gab eine Rebellion, andere Engel schlossen sich Luzifer an; wir kennen sie als Dämonen. Ich werde den Teufel und seine Dämonen in dieser Serie »den Feind« nennen. Sie sind nicht wie Gott. Sie sind geschaffene Wesen. Sie sind nicht allwissend, nicht allmächtig, nicht allgegenwärtig. Sie sind nicht Gott.
Ein Kampf, älter als die Menschheit
Der daraus entstandene Kampf zwischen Gott und dem Feind, zwischen den guten Engeln und den gefallenen, ist eines der bedeutendsten Stücke Kontext für die größere Geschichte. Und er spricht direkt hinein in die Frage, wie wir jeden Tag leben sollten. Dieser Kampf zwischen Gut und Böse lief schon lange vor 1. Mose 3, bevor die Schlange im Garten auftaucht. Das sollte bei uns einen gewaltigen Paradigmenwechsel auslösen.
Denk mal darüber nach: Alle großen Geschichten, die je geschrieben wurden, haben genau das als zentrales Thema. Der Kampf zwischen Gut und Böse treibt die Handlung von Der Herr der Ringe, Star Wars und Harry Potter, und das ist nur unsere Ära. Alle Geschichten scheinen dieses Thema irgendwo im Zentrum ihrer Handlung zu tragen. Die Idee ist in den Kern dessen eingebettet, wer wir als Menschen sind. Ich weiß nicht genau, wie die Zeitlinie aussieht und wo 1. Mose 1 in den Fall der Engel einzuordnen ist. Aber man bekommt fast den Eindruck, dass wir für diesen Kampf gemacht wurden. Wie auch immer die genaue Reihenfolge war: Gott wusste in seiner souveränen Allwissenheit, was kommen würde, und hat uns einzigartig passend für diesen Krieg gemacht.
Hier ist das Wichtigste zum Mitnehmen: Eines der bedeutendsten Stücke Kontext für unser Verständnis der größeren Geschichte ist, dass sie sich in einem kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse abspielt, zwischen Gott und dem Feind.
Das Bewusstsein für den Kampf ist das praktischste Stück Kontext für unseren Alltag.
Bekehrt im Badezimmer, verloren im Krieg
Ich erzähle dir, wie das bei mir war. Als Teenager fuhr ich auf eine Freizeit unserer Gemeinde mit. Eine Cheerleaderin namens Vickie sollte dabei sein, und ihre mögliche Anwesenheit war meine Hauptmotivation mitzukommen. Am ersten Abend, nach der Predigt, als alle ins Bett gingen, sagte unser Leiter, er sei ansprechbar, falls jemand Fragen habe oder reden wolle. Ich dachte: Das ist meine Chance. Als ich glaubte, dass alle schliefen, betete der Leiter mit mir, und in dieser Nacht wurde ich Christ, im Badezimmer eines Schlafsaals. Vickie hatte übrigens abgesagt und war gar nicht da. Und ich traf Jesus. Mein Leben und meine Bestimmung waren nie wieder dieselben. Ich liebe es, diese Geschichte zu erzählen.
Aber niemand sagte mir, dass ich in dem Moment, in dem ich Jesus für die Vergebung meiner Sünden vertraute, in einem kosmischen Kampf eine Seite gewählt hatte. Niemand sagte mir, dass es unsichtbare Wesen gibt, unglaublich mächtig, die jetzt meine Feinde geworden waren. Niemand sagte mir, dass dieser Feind wie ein hungriger Löwe ist, der stehlen, töten und zerstören will (1. Petrus 5,8; Johannes 10,10). Ich war auf diesen Kampf in keiner Weise vorbereitet. Und das sah man. Ich war ein ziemlich braver Junge, bis ich Christ wurde. Aber die mittleren Jahre meiner Jugend waren für mich nichts als das Trümmerfeld einer verlorenen Schlacht. Meine Eltern ließen sich in jenem Sommer scheiden, die Alkoholiker-Gene meines Vaters schlugen regelmäßig zu, und ich war wütend, verletzt und verloren.
Ja, ich war gläubig. Ich hatte Christus vertraut. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich in die größere Geschichte gehörte. Ich wusste kaum, dass es eine gab. Die Bibel spricht von Menschen, die verloren sind: Sie stehen außerhalb der Mauer, außerhalb der Familie Gottes. Aber ich glaube, es gibt auch eine Art Verlorenheit für die drinnen. Diese Verlorenheit bemisst sich daran, wie gut jemand mit der größeren Geschichte verbunden ist. Und ich war definitiv nicht verbunden. Ich war drin, aber ich war verloren.
Leuchtfarben im Dschungel
Langsam, über Jahre, hörte ich Gerüchte von diesem Kampf. Im Seminar sprachen wir über die theologische Natur von Dämonen und dem Krieg, aber nicht unbedingt über ihre Wirklichkeit. Ich kann ehrlich sagen: Die Idee, für einen echten, unbestreitbaren Kampf gegen den Feind zu trainieren, war mir fremd. Es wurde darüber geredet, darauf verwiesen, aber der Kampf fühlte sich nie real an. Seine Wirklichkeit berührte mein Alltagsleben selten. Und doch ist das Bewusstsein für diesen Kampf absolut entscheidend, um im Rahmen der größeren Geschichte zu leben.
Ich persönlich habe mit diesem Konzept des täglichen Kampfes zu ringen. Es ist, als wüsste ich, dass es wahr ist, aber mein Leben und meine Handlungen sagen etwas anderes. Ich bin Optimist, mein Glas ist meistens mehr als halb voll. Und mein Verdrängen der anderen Hälfte der Realität hat dazu geführt, dass ich die meisten meiner Tage blind für den geistlichen Kampf gelebt habe.
Stell dir eine Szene aus einem Kriegsfilm vor. Der Feind ist nah, überall, verborgen im Gebüsch. Die Hauptfigur aber schlendert in Leuchtfarben einen Dschungelpfad entlang. Die Waffe hängt unerreichbar auf dem Rücken. Kopfhörer auf den Ohren, und er singt Led Zeppelin mit, so laut er kann. Es sieht aus, als hätte er nicht eine Sorge auf der Welt. Als würde der Feind gar nicht existieren. Nun: Das war ich, an den meisten Tagen. Und dahin drifte ich bis heute. Wenn uns nicht bewusst ist, dass der Feind existiert, wie leicht machen wir es ihm dann, uns anzugreifen?
Die Waffenrüstung: Halte stand
Die Bibel warnt uns nicht nur, uns des Kampfes bewusst zu sein, sondern auch, vorbereitet zu sein. In Epheser 6 sagt Paulus, dass unser Kampf nicht gegen Fleisch und Blut geht, und dass wir die volle Waffenrüstung Gottes anziehen sollen:
»Zieht die volle Waffenrüstung Gottes an, damit ihr den Schlichen des Teufels standhalten könnt. Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Herrscher dieser dunklen Welt, gegen die bösen Geistwesen in der Himmelswelt. Greift darum zur ganzen Waffenrüstung Gottes, damit ihr standhalten könnt, wenn der böse Tag kommt, und dann, wenn ihr alles getan habt, noch steht. Steht also fest: die Wahrheit als Gürtel um eure Hüften, die Gerechtigkeit als Brustpanzer, die Schuhe der Bereitschaft, die vom Evangelium des Friedens kommt. Ergreift dazu den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle Brandpfeile des Bösen auslöschen könnt. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das Wort Gottes.« — nach Epheser 6,11-17
Wir hören Predigten, die uns ermahnen, all das anzulegen. Ich habe dem wenig hinzuzufügen, außer der Erinnerung: Das ist etwas, das wir jeden Tag tun sollen. Der Kampf dauert den ganzen Tag, und die ganze Nacht dazu. Er ist real.
Beachte die Sprache: Sie weist dich nicht an anzugreifen, sondern standzuhalten. Lass dich vom Feind nicht bewegen. Und wie legen wir das alles an? Die Bibel benutzt dasselbe Bild an anderer Stelle: Zieht den Herrn Jesus Christus an (Römer 13,14; Kolosser 3,12; Epheser 4,22-24). All das hängt an dem, was wir glauben. Wir stehen kampfbereit, indem wir glauben, dass alles, was wir angezogen haben, wahr ist. Wir vertrauen darauf.
Gebet: unsere Antwort
Und dann geht der Text weiter:
»Und betet bei jeder Gelegenheit im Geist, mit Gebeten und Bitten jeder Art. Seid dabei wachsam und hört nicht auf, für alle Heiligen zu beten. Betet auch für mich, dass mir, sooft ich den Mund öffne, Worte gegeben werden, damit ich das Geheimnis des Evangeliums furchtlos bekannt mache, für das ich ein Botschafter in Ketten bin. Betet, dass ich es furchtlos verkünde, wie es sich gehört.« — nach Epheser 6,18-20
Da ist ein Wort, eine Idee, ein Konzept, eine Handlung, die sich in diesen drei Versen fünfmal wiederholt: Gebet.
Gebet ist unsere Antwort, unsere Absicht. Gebet ist, wie Gott dich in den Kampf einlädt.
Der Angriff zielt tiefer
Eine Sache noch, an die ich uns bei diesem Kampf erinnern will. Wir neigen dazu, ihn aus der Perspektive der sichtbaren Welt zu sehen: Drogen, Sex, Rock 'n' Roll. Aber das sind nur die äußeren Schichten eines tieferen Problems. Der Feind sieht die Sünde als das, was sie ist, und greift mit diesem Wissen an.
In Lukas 4, als Jesus für vierzig Tage und Nächte in die Wüste geführt wird, kommt der Feind, um ihn zu versuchen. Achte auf die Natur der drei Versuchungen. Die erste zielt scheinbar auf den Körper und sein Bedürfnis nach Nahrung. Aber auf einer viel tieferen Ebene greift sie Jesu zentrale Bestimmung an. An der Oberfläche scheint der Feind zu fragen, ob Jesus der Sohn Gottes ist. Doch der Teufel weiß es seit Urzeiten, und Jesus weiß es auch; sein Vater hatte es gerade erst bei der Taufe bestätigt (Lukas 3,22). Am Ende ist die Versuchung keine Frage der Identität, und schon gar nicht des Essens, sondern der Abhängigkeit. Würde Jesus dem Vater vertrauen, dass er für ihn sorgt, ihn nährt, ihm genau das gibt, was er braucht?
Das Schlüsselelement am Kommen von Jesus war: Er kam, um den Feind zu besiegen. Und er würde es tun, indem er Körper annimmt und ein vollkommenes Leben des Vertrauens lebt, ganz abhängig vom Vater. Diese Abhängigkeit ist die Wurzel der Demut. Andrew Murray schreibt in seinem Buch Demut:
»Daraus folgt, dass nichts unsere Erlösung sein kann als die Wiederherstellung der verlorenen Demut, der ursprünglichen und einzig wahren Beziehung des Geschöpfs zu seinem Gott. Und so kam Jesus, um die Demut zurück auf die Erde zu bringen, uns zu Teilhabern an ihr zu machen und uns durch sie zu retten. Seine Demut gab seinem Tod seinen Wert und wurde so unsere Erlösung. Seine Demut ist unser Heil. Sein Heil ist unsere Demut.« — Andrew Murray, Demut
Die anderen beiden Versuchungen folgen demselben Gedanken. Hier ist meine Paraphrase des Feindes: »Ich gebe dir das alles, vertrau einfach mir statt dem Vater.« Und: »Jesus, wenn du Gott bist, dann tu auf Basis der Schriftverheißung selbst etwas, ergreife die Initiative, statt von der Führung deines Vaters abhängig zu sein.« Jesus antwortete natürlich in allen Fällen weise. Die Demut der Abhängigkeit gewinnt den Tag.
Wenn der Feind hinter uns her ist, greift er genauso an. Er wird uns versuchen, unser Vertrauen und unsere Abhängigkeit auf etwas oder jemand anderen als Gott zu setzen. Es mag aussehen, als ginge es bei den Angriffen um die Gelüste des sündigen Menschen. Aber darunter geht es immer darum, worauf wir vertrauen und wovon wir abhängen. Es ist derselbe Angriff, dieselbe Lüge, von Anfang an.
Das Evangelium im Kontext des Krieges
Ich schließe mit der Erinnerung: Kontext ist der Schlüssel. Der Feind will, dass wir denken, es gebe ihn nicht, und Sünde sei nur ein bisschen Schmutz. Wenn wir diese Lügen kaufen, dann gibt es sicher etwas, das wir tun können, um uns selbst zu säubern und das Problem allein zu lösen.
Aber lass mich die Güte des Evangeliums im Kontext des Krieges beschreiben: Wir wurden von der Sünde nicht nur beschmutzt, wir wurden vom Feind gefangen genommen. Die Sünde hatte unsere Herzen so verstrickt, dass wir willige Sklaven Satans geworden waren, des Gottes dieser Welt, und wir wussten es nicht einmal. Christus, der Krieger, kommt auf diese Erde, um für uns zu kämpfen. Er kommt, um uns zurückzugewinnen. Zeitweise ist Jesus als Krieger fast inkognito unterwegs; die Leute wussten kaum, dass der König da war. Aber hin und wieder blitzt sein Schwert auf. In Offenbarung 19,15 kommt aus dem Mund des wiederkehrenden Jesus das scharfe Schwert, mit dem er Krieg führt. In 2. Thessalonicher 2,8 wird Jesus den Gesetzlosen mit dem Hauch seines Mundes vernichten. Beide Verse deuten an: Am Ende besiegt Jesus den Feind mit Worten, mit derselben Stimme, die Himmel und Erde ins Dasein sprach. Wenn Jesus also aus der Ferne mit einem einzigen Wort heilt, blitzt sein Schwert auf. Wenn er vorne im Boot steht und Wind und Wellen befiehlt zu schweigen, blitzt sein Schwert auf.
Selbst als Jesus zum Kreuz geht, denkt der Feind, das Böse gewinnt. Sein eigener Stolz macht ihn blind. Am Kreuz wäscht Jesus unsere Sünde mit seinem Blut ab, und mit seinem Tod befreit er uns aus unserer Gefangenschaft. Endlich frei! Und mit seiner Auferstehung werden wir neue Schöpfungen. Gott besiegt den Stolz mit Demut. All das gehört uns, durch Glauben, wenn wir ihm vertrauen.
Aber bedenke es gut. Denn wer sich entscheidet, Jesus zu vertrauen und ihm aus der alten Gefangenschaft heraus zu folgen, hat im großen kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse eine Seite gewählt. Wir haben jetzt einen Feind. Es ist unsere Wahl: Entweder bleiben wir Sklaven auf der Seite des Feindes, oder wir werden freie Menschen, erlöst, teuer erkauft, aber mitten in einer Schlacht. Und merk dir: In diesem Krieg zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und dem Feind, gibt es keine Schweiz. Keinen neutralen Boden. Nur zwei Seiten.
Willkommen an der Pyramide
Jetzt ist ein so guter Moment wie jeder andere, um ein Bild einzuführen, das uns ab hier begleiten wird. Mir wurde gesagt, alle großen geistlichen Klassiker hätten Illustrationen, und ich solle auch an die visuellen Lerner denken. Also: Willkommen an meiner Pyramide. Ich bin ein Mathe-Mensch, ihr müsst also mit einer geometrischen Figur leben. Die Pyramide steht für die größere Geschichte, für das Leben, zu dem Jesus uns einlädt. Zwei Steine liegen jetzt im Fundament: der heilige Name und der Kampf. Im nächsten Kapitel legen wir den dritten: die unsichtbare Wirklichkeit, in der all das spielt.
Die Bücher aus diesem Kapitel
- Humility von Andrew Murray ist auf Deutsch als »Demut« erschienen. Du findest es bei Amazon, Thalia oder einer unabhängigen Buchhandlung.

Das Unsichtbare
Die Wirklichkeit, die du nicht siehst
Im vorherigen Kapitel sind wir für die Realität von Engeln und dem Feind aufgewacht, für einen Kampf, den wir nicht sehen können. Das führt uns zum nächsten Stein in unserem Fundament: das Konzept des Unsichtbaren. Es ist so einfach und zugleich so tiefgründig, dass wir es meistens übersehen.

Wir wachen jeden Morgen in einer Welt auf, die wir sehen können. Wir neigen dazu, aus der Perspektive der sichtbaren Welt zu sehen, zu denken und zu leben. Die meisten nehmen an, diese sichtbare Welt sei die einzige, die existiert. Andere, die vielleicht an die Existenz einer unsichtbaren Sphäre glauben, halten sie meist nicht für real im selben Sinn wie die sichtbare. Für sie bleibt das Unsichtbare vage, fast unwirklich.
Diese Blindheit ist ein Produkt der Sünde und des Falls. Der Feind will uns glauben machen, das Böse sei weder gegenwärtig noch real, es existiere gar nicht. Aber das Unsichtbare zu leugnen heißt, in der Dunkelheit zu leben, und genau dort will der Feind uns halten. Die Bibel dagegen erinnert uns beständig daran, dass es eine andere Sphäre gibt, eine unsichtbare, die mit der sichtbaren koexistiert. Und sie ist definitiv real.
Denk an Elisa. Der Prophet war in der Stadt Dotan vom König von Aram umzingelt:
»Als der Diener des Gottesmannes früh am Morgen aufstand und hinausging, hatte ein Heer mit Pferden und Streitwagen die Stadt umstellt. […] Da öffnete Jahwe dem Diener die Augen, und er sah: Die Berge um Elisa herum waren voller Pferde und feuriger Streitwagen.« — nach 2. Könige 6,15-17
Es ist der Geist Gottes, der uns Augen zum Sehen gibt. Als wir Jesus zum ersten Mal vertrauten und in eine Bundesbeziehung mit ihm traten, haben wir die unsichtbare Sphäre betreten, dort, wo Gott lebt. Jedes Mal, wenn wir als Christen Gott vertrauen oder zu ihm beten, stoßen wir an die unsichtbare Welt, betreten sie, nehmen an ihr teil. Sie ist gewiss und wahr, und Jesus lädt uns in sie ein.
Das Reich, das zum Greifen nah ist
Als Jesus die Bühne betrat, berührten seine ersten Predigten genau diese Botschaft. Er sagte seinen Zuhörern: »Das Himmelreich ist nahe« (Matthäus 4,17; Markus 1,15). Über das Reich Gottes sind ganze Bibliotheken geschrieben worden; unser Fokus hier ist der Kontext der größeren Geschichte. Die Kernaussage: Weil Jesus, der König, direkt vor ihnen stand, war das Reich so nah, dass es knapp jenseits ihrer Fingerspitzen lag. Streck deinen Arm aus. So weit du kannst. Genau da, gerade außerhalb deiner Reichweite: »Das Reich Gottes ist schon jetzt mitten unter euch« (Lukas 17,20-21). Mit anderen Worten: Es wird nicht wahrgenommen wie die sichtbare Welt. Es hat die Qualität des Unsichtbaren.
In allen drei synoptischen Evangelien folgt auf die erste Predigt von Jesus das Austreiben von Dämonen. Die Autoren wollen uns sagen: Das Reich Gottes, diese unsichtbare Sphäre, ist genau hier. Jesus hat davon geredet, und dann hat er es uns gezeigt: »Wenn ich aber die Dämonen mit dem Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes zu euch gekommen!« (Lukas 11,20).
Der entscheidende Punkt: Jesus zeigt uns das Unsichtbare nicht nur, er lädt uns dorthin ein. Er bittet uns nicht, die sichtbare Welt zu verlassen oder zu vernachlässigen. Aber er sagt:
Das Unsichtbare übertrumpft das Sichtbare.
Lass es mich besser erklären: Die unsichtbare Welt durchdringt die sichtbare. Wir sollen in beiden gleichzeitig leben. Jesus war der Meister dieser Existenz in zwei Sphären. Für uns liegt sie außerhalb von allem, was wir kennen. Wir wurden ins Sichtbare geboren, wir sind im Sichtbaren aufgewachsen, es ist das, was wir am besten kennen.
Die große Bewegung: vom Sichtbaren ins Unsichtbare
Aber wenn wir Christus vertrauen und Gläubige werden, werden unsere Augen geöffnet, und das Unsichtbare begegnet uns in vielen Facetten. Schon der Akt, Christus zu vertrauen, bedeutet, Dinge nicht nur wahrzunehmen, sondern zu glauben, die wir vorher nicht sehen konnten. Das Wesen des Glaubens ist die Erfahrung von und der Glaube an unsichtbare Wirklichkeiten. Gebet ist eine unsichtbare Wirklichkeit. Das Wohnen des Geistes in uns ist eine unsichtbare Wirklichkeit. Fast alles, was wir tun und »geistlich« nennen, ist mit der unsichtbaren Sphäre verbunden.
Tatsächlich beginnt das Christenleben mit einer Bewegung: vom Tod zum Leben, von der Finsternis zum Licht, von der Erde Richtung Himmel, vom Feind zu Gott, von der Blindheit zum Sehen. So beschreibt es Jesus, als er Paulus beruft:
»Ich werde dich beschützen vor deinem Volk und den fremden Völkern, zu denen ich dich sende. Du sollst ihnen die Augen öffnen, dass sie umkehren, dass sie aus der Finsternis zum Licht kommen, aus der Gewalt Satans zu Gott.« — Apostelgeschichte 26,17-18
Und so beschreibt es Paulus selbst später:
»Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt, als ihr den Wegen dieser Welt folgtet und dem Herrscher des Reichs der Luft […] Aber Gott, der reich an Barmherzigkeit ist, hat uns in seiner großen Liebe mit Christus lebendig gemacht, obwohl wir tot waren in unseren Übertretungen.« — nach Epheser 2,1-5
Diese Passagen sprechen von den unsichtbaren Wirklichkeiten des Werks Gottes: von der Bewegung der Erlösung, von Finsternis zu Licht, vom Tod zum Leben, vom Sichtbaren ins Unsichtbare. Der Feind wird »der Gott dieser Weltzeit« genannt (2. Korinther 4,4); die sichtbare Welt ist sein Herrschaftsgebiet. Wenn du Christ wirst, wird dein Bürgerrecht übertragen: von dieser Welt, der sichtbaren, in den Himmel, das Unsichtbare (Philipper 3,20).
Welche der beiden Welten ist die dominante? Welche bleibt am längsten? Es ist die größere Welt, die unsichtbare. Wenn man Jesus fragen würde, würde er die unsichtbare Sphäre die wirkliche nennen. Du und ich denken genau andersherum, zu unserem Schaden.
Ein Spaziergang durchs Johannesevangelium
Ich liebe es, wie Johannes in seinem Evangelium zeigt, wie Jesus uns ins Unsichtbare einlädt. Geh mit mir Kapitel für Kapitel: In Kapitel 1 gibt Jesus Simon bei der ersten Begegnung einen neuen Namen, Petrus, den Felsen: eine noch unsichtbare Identität. In Kapitel 2 sagt Jesus den jüdischen Leitern im Tempel: »Zerstört diesen Tempel, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen« (Johannes 2,19). Er sprach natürlich von seinem Körper und der Auferstehung, nicht vom sichtbaren Tempel, in dem sie standen. In Kapitel 3 sagt er Nikodemus: »Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen« (Johannes 3,5): eine geistliche Geburt, eine unsichtbare Wirklichkeit. In Kapitel 4 spricht er mit der Frau am Brunnen über lebendiges Wasser: »Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst bekommen. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm eine Quelle werden, aus der Wasser sprudelt, bis ins ewige Leben hinein« (Johannes 4,14). Das ist eindeutig keine Realität der sichtbaren Welt, sondern eine Einladung zu etwas jenseits unserer Vorstellung.
In Kapitel 6: »Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein« (Johannes 6,35), und: »Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, könnt ihr das ewige Leben nicht in euch haben« (Johannes 6,53). Nichts davon ist sichtbare Realität; alles sind Einladungen zum Leben im Unsichtbaren. In Kapitel 7 sagt Jesus: »Ich werde nur noch kurze Zeit hier bei euch sein, dann gehe ich zu dem zurück, der mich gesandt hat. Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden. Und wo ich dann bin, da könnt ihr nicht hinkommen« (Johannes 7,33-34): Der Himmel, wo Jesus und der Vater sind, liegt im Unsichtbaren. In Kapitel 8 macht er Aussagen, in denen er beansprucht, der unsichtbare, präexistente Gott zu sein. In Kapitel 9: »Doch solange ich noch in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt« (Johannes 9,5), und nach der Heilung des Blindgeborenen: »An mir müssen die Geister sich scheiden! Ich bin in diese Welt gekommen, um solche, die nicht sehen können, zum Sehen zu bringen, und denen, die sich für sehend halten, zu zeigen, dass sie blind sind« (Johannes 9,39): Er redet von geistlicher Blindheit, einer unsichtbaren Blindheit.
In Kapitel 10 nennt er sich die Tür und den guten Hirten, beides unsichtbare Wirklichkeiten, und sagt über seine Wunder: »An ihnen müsstet ihr doch erkennen, dass der Vater in mir ist und dass ich im Vater bin« (Johannes 10,38). Die Wunder waren sichtbar, aber die Einheit von Vater und Sohn, die Grundlage der Dreieinigkeit, ist unsichtbar. In Kapitel 11 sagt er über den toten Lazarus, er sei »eingeschlafen« (Johannes 11,11). Warum redet Jesus mit den Jüngern beständig in dieser Sprache des Unsichtbaren? Sie war verwirrend für sie; die Brille der sichtbaren Welt war die einzige, die sie kannten. Aber genau damit lädt er sie ein, subtil, beharrlich, so wie er dich und mich einlädt. Und in Kapitel 12 sagt er es der ganzen Welt: »Das Licht wird nur noch kurze Zeit für euch leuchten. Nutzt das Licht, solange ihr es habt, damit euch die Dunkelheit nicht überfällt! […] Glaubt an das Licht, solange ihr es noch habt, damit ihr Menschen des Lichts werdet!« (Johannes 12,35-36)
Die Einladung gilt dir und mir: Betritt das Unsichtbare und werde ein Kind des Lichts. Der einzige Weg, Jesus zu erfahren, ist der Glaube: das Hereinholen der unsichtbaren Welt in die sichtbare. Der einzige Weg, wie der unsichtbare Geist uns führen kann, ist, dass wir das Unsichtbare ins Sichtbare bringen. Und der Vater, der Geist ist, der unsichtbar ist, lädt uns genau dazu ein. Es ist unsere einzige Quelle wirklichen Lebens. Und es ist ein Leben jenseits unserer kühnsten Träume der sichtbaren Welt.
Was die Heiligen schon immer wussten
Ich bin nicht der Erste, der so redet. Seit Jahrhunderten verkünden das die Heiligen, nur nicht immer in den Begriffen von sichtbar und unsichtbar. Meist sprachen sie vom Himmelreich. Sie redeten von einer ewigen Perspektive. Sie versuchten, ihren Blick auf die geistlichen, unsichtbaren Dinge zu richten. A.W. Tozer schreibt:
»Unser Problem ist, dass wir uns schlechte Denkgewohnheiten angeeignet haben. Wir halten gewohnheitsmäßig die sichtbare Welt für real und bezweifeln die Realität jeder anderen. Die Welt der Sinne drängt sich unserer Aufmerksamkeit Tag und Nacht auf, ein Leben lang. Sie ist laut, aufdringlich und beweist sich selbst. Aber die Sünde hat die Linsen unserer Herzen so getrübt, dass wir die andere Wirklichkeit, die Stadt Gottes, nicht sehen können, die um uns herum leuchtet. Die Welt der Sinne triumphiert. Das Sichtbare wird zum Feind des Unsichtbaren, das Zeitliche zum Feind des Ewigen.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Nichts hat sich geändert: Die Heiligen, Tozer, alle sprechen von einer anderen Sphäre. Meine Seele, mein neues Herz, wird vom Unsichtbaren angezogen und sehnt sich danach. Auch die großen Geschichten unserer Zeit laden uns dorthin ein. Sie laden uns in eine weit, weit entfernte Galaxis. J.R.R. Tolkien lädt uns nach Mittelerde ein, um gegen das Böse zu kämpfen. C.S. Lewis lädt uns durch einen Kleiderschrank nach Narnia ein, zu Aslan. J.K. Rowling lädt uns nach Hogwarts.
Wir wurden für diese andere Welt gemacht, und unsere Seele sehnt sich nach ihr wie nach Zuhause.
Dort wirst du in tausend Jahren sein. Dort werden wir die Ewigkeit verbringen.
Was das mit deinem Alltag zu tun hat
Wie prägt dieser Kontext unser Leben? Mitten in einem Kampf, in dem Gott seinen Namen heilig macht, sind wir eingeladen, uns nicht von der sichtbaren Welt gefangen nehmen zu lassen, sondern irgendwie aufs Unsichtbare ausgerichtet zu bleiben. Paulus sagt es so: Ihr seid mit Christus auferweckt (unsichtbar), also richtet euer Herz (unsichtbar) auf das, was oben ist (unsichtbar), wo Christus zur Rechten Gottes sitzt (Kolosser 3,1-2).
Dieser Aspekt des Kontexts ist so einfach und so alltäglich, dass wir meist übersehen, wie tiefgreifend er ist. Um es deutlich zu sagen: Alles, wozu Jesus dich einlädt, ist nur in der unsichtbaren Sphäre zu finden und zu erfahren. Sie ist das einzige Ticket.
Und doch verbringe ich die meisten meiner Tage zugedeckt von der Geschäftigkeit meiner sichtbaren Welt. Es ist eine Falle, nach der mein Fleisch süchtig ist. Versuch einmal anzuhalten, die sichtbare Welt zu verlassen und bei Jesus im Unsichtbaren zu sein. Versuch, irgendeine Form von Sabbat-Rhythmus zu praktizieren, und schau, was passiert. Ich arbeite mit Menschen im geistlichen Dienst, die jede Art von Auszeit verweigern, weil ihre Bedeutung an der sichtbaren Welt ihres Tuns hängt. Dabei war der Sabbat seinem Wesen nach dafür gemacht, uns zu stoppen und daran zu erinnern, dass nicht wir die Welt am Laufen halten. Die Ausreden, mit denen wir das Anhalten vermeiden, sind Rationalisierungen, immer verkleidet in die Gewänder der sichtbaren Welt. Versuch, einen Tag herauszunehmen, einen Sonntag, deine sichtbaren Verpflichtungen ruhen zu lassen und die unsichtbare Welt zu betreten, um bei Jesus zu sein. Ein kleiner Krieg wird ausbrechen, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Feind und Gott, der eifersüchtig um unsere Zuneigung wirbt. Wie viele Menschen kennst du in unserer Kultur, die Gott einen ganzen Tag pro Woche geben?
Oder noch näher am Alltag: Wie schwer ist es, unsere Grundprioritäten zu halten? Die meisten von uns würden sagen: Gott zuerst, dann die Familie, dann der Rest. Fällt dir auf, dass die ersten beiden Beziehungen sind? Warum ist es so schwer, Beziehungen zur Priorität zu machen? Weil ein Kernaspekt von Beziehungen ist, dass sie größtenteils im Unsichtbaren stattfinden. Das Fleisch wird vom Unsichtbaren nicht angezogen. Und es ist auch deshalb schwer, weil der Feind nicht will, dass wir dorthin gehen. Er will nicht, dass du das Unsichtbare über sein sichtbares Herrschaftsgebiet stellst. Wenn du und ich versuchen, diese Prioritäten zu halten, schwimmen wir gegen den Strom unserer Kultur und gegen den Feind, der hinter ihr steht. Versuch nur, jeden Morgen früh aufzustehen, um mit dem wichtigsten Gegenüber deines Lebens zu beginnen, dem Gott des Universums, und du wirst sehen, was ich meine.
Jesus lädt dich und mich in die einfache Tiefe des Unsichtbaren ein. Sie ist ein riesiges Stück des Kontexts, den wir brauchen, um zu erkennen, was Gott in der größeren Geschichte tut und wozu er uns einlädt. Gott ist dabei, sich als heilig zu erweisen, und er entscheidet sich, dich und mich dafür ins Unsichtbare hineinzuziehen. Bleibt die Frage: Wie bewegen wir uns dort? Der Muskel dafür heißt Glaube, und um ihn geht es im nächsten Kapitel.
Die Bücher aus diesem Kapitel
- The Pursuit of God von A.W. Tozer ist auf Deutsch als »Gottes Nähe suchen« erschienen. Du findest es beim SCM-Shop, bei Amazon, Thalia oder einer unabhängigen Buchhandlung.

Glaube
Der Muskel, der dich die Pyramide hinauf bewegt
Jesus lädt dich und mich zu einer Beziehung ein, die auf abhängigem Glauben beruht. Einer Beziehung, in deren Zentrum er sitzt und in der es um ihn geht. Es ist Glaube an das vollendete Werk des Kreuzes, an dem er starb, und daran, dass er die Aufgabe zu Ende bringen wird: fertig, vollendet. Jesus tut alles.
Das Leistungs-Paradigma
Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, womit ich aufgewachsen bin. In all den Jahren, die ich im geistlichen Dienst bin, folgten die meisten Menschen um mich herum einem Paradigma des Christseins, in dem eine starke Portion Leistung steckt. Wenn ich es ausformulieren müsste, klänge es ungefähr so: Jesus kam und lebte ein Leben, das für uns alle das Vorbild ist. Ich soll leben wie Jesus. Er starb am Kreuz, um meine Sünden wegzunehmen, damit ich eine Beziehung mit ihm haben und in den Himmel kommen kann. Diese Beziehung basiert jetzt auf dem, was ich ihm schulde: Dienst, harte Arbeit, Sich-selbst-Sterben, Dienen, alles mit einer Haltung der Dankbarkeit. Und ich bin verfolgt von der Hoffnung, dass meine Leistung reichen wird, um seine Annahme zu gewinnen.
Dieses Paradigma ist voller großartiger Wahrheiten. Aber sie sind gerade so weit verdreht mit der Lüge der selbstgenügsamen Leistung, dass ihre wahre Bedeutung verloren gegangen ist. Meine Befürchtung ist, dass das, was ich beschrieben habe, den meisten von uns vertraut und bequem vorkommt. Die Frage ist: War's das? Ist das schon das Leben jenseits unserer kühnsten Träume?
Lewis Sperry Chafer schreibt in He That Is Spiritual:
»Christlicher Charakter wird im Gläubigen hervorgebracht, aber nicht vom Gläubigen. Es ist nicht länger etwas, das menschliche Kraft versuchen soll, und auch nichts, das menschliche Kraft plus die Hilfe des Geistes zustande bringt. Es ist nicht etwas, das der Mensch tun kann, selbst mit Hilfe. Es gibt im Gläubigen nicht einmal einen Funken dieser Gnaden, der sich zu einem Feuer anfachen ließe. Alles muss durch den Geist in Herz und Leben hervorgebracht werden.« — Lewis Sperry Chafer, He That Is Spiritual
Jesus, durch seinen Geist, tut alles, und er bittet uns, genau dieser Tatsache zu vertrauen. Es ist Glaube an eine Person und ihr Versprechen. Und der Nutzen gehört uns, durch Glauben, wenn wir es glauben.
Der Muskel für das Unsichtbare
Es sollte uns nicht überraschen: Wenn Jesus uns in eine unsichtbare Sphäre einlädt, dann ist der Glaube der Muskel, der uns in diese Sphäre bewegt. Und genauso wenig sollte uns überraschen, was die Bibel über diesen Muskel sagt: »Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass es ihn gibt und dass er die belohnt, die ihn aufrichtig suchen« (Hebräer 11,6).
Wenn wir als Geschöpfe nach dem einen suchen, das unseren Schöpfer zum Lächeln bringt, das eine, das sein Herz wärmt: Hier ist es. Es ist der Glaube. Und das war schon immer so.
Hat es dich überrascht, dass Gehorsam nicht weiter oben auf der Liste steht? Befolgung aus der Kraft des Fleisches kann zu Stolz und Unabhängigkeit führen. Sie war das Markenzeichen der Pharisäer, und sie ist ein Gestank in der Nase von Jesus. Glaube dagegen ist seinem Wesen nach auf Demut und Abhängigkeit gegründet und führt zu einem Gehorsam, der aus einer anderen Quelle gespeist wird. Überleg mal: Wäre es dir lieber, dein Kind gehorcht dir bloß aus Konformität mit einem Gebot, mit dem Gesetz? Oder aus Vertrauen, das auf Jahren deiner aufopfernden Liebe und Treue beruht? Natürlich wünschst du dir, dass seine Antwort aus einer Beziehung von Glauben und Vertrauen erwächst. Genauso ist es beim Vater.
Frag Noah, wer die Arche gebaut hat
»Aufgrund des Glaubens baute Noah eine Arche zur Rettung seiner Familie. Er gehorchte der göttlichen Weisung in ehrfürchtiger Scheu, obwohl ‹von dem angedrohten Unheil› noch nichts zu sehen war« (Hebräer 11,7). Noah glaubte den Worten, die Gott sprach, und baute ein Gefährt, das er vermutlich nie zuvor gesehen hatte und von dem er keinerlei Vorstellung besaß. Er vertraute Gott einfach, und dieser Glaube führte ihn dahin, zu tun, was Gott ihm sagte. Durch Glauben verließ Abraham seine Heimat und folgte Gott an einen Ort, an dem er nie gewesen war (Hebräer 11,8-10). Er schaute die Sterne an und glaubte, dass seine Nachkommen so zahlreich sein würden, allein auf Gottes Versprechen hin, obwohl er und Sara kinderlos waren. Es war sein Glaube, der ihm als Gerechtigkeit angerechnet wurde (1. Mose 15,6; Römer 4,3).
Durch Glauben segnete Isaak Jakob. Durch Glauben folgte Mose der Stimme im brennenden Dornbusch, trat dem mächtigsten Mann der Welt entgegen und führte Israel dazu, seine Erstgeborenen zu retten, indem unschuldige Lämmer geschlachtet und ihr Blut an die Türpfosten gestrichen wurde. Durch Glauben teilte sich das Rote Meer. Durch Glauben überquerte Josua den Jordan und besiegte Jericho. Durch Glauben besiegte David Goliat. Durch Glauben baute Salomo einen Tempel. Durch Glauben trat Elija den Baalspropheten entgegen.
Fällt dir etwas auf? Die Grundlage ihrer Rettung waren nicht die Taten, die sie vollbrachten, und keine Belohnung für Gesetzesgehorsam. Es war ihr Glaube an eine Person, und an das Versprechen dieser Person, der sie in Bewegung setzte. Glaube geht der Tat immer voraus, und letztlich auch dem Folgen. Es ist immer unser Glaube, der uns bewegt und bestimmt, wie wir leben. Unsere Taten offenbaren, was wir wirklich glauben. Und es ist unser Mangel an Glauben, der uns lähmt und am Folgen hindert. Tozer schreibt:
»Der Glaube ist von überragender Wichtigkeit im Leben der Seele. Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Glaube bringt mich überallhin im Reich Gottes, aber ohne Glauben gibt es keinen Zugang zu Gott, keine Vergebung, keine Befreiung, keine Rettung, keine Gemeinschaft, überhaupt kein geistliches Leben.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Für Tozer bekommt der Glaube uns alles, und ohne ihn haben wir nichts. Und eines von Andrew Murrays Lieblingsthemen ist die Abhängigkeit: Der Glaube ist das Modell dafür, wie Abhängigkeit in einer Beziehung mit Gott aussieht. Er ist auf Gott und sein Werk zentriert statt auf uns und das, was wir leisten können:
»Der Glaube ist das Organ, der Sinn für die Wahrnehmung und das Ergreifen der himmlischen Welt und ihrer Segnungen. Ist er nicht das Eingeständnis unserer Nichtigkeit und Hilflosigkeit, die Übergabe und das Warten, um Gott wirken zu lassen? Ist er nicht in sich selbst das Demütigendste, was es gibt: die Annahme unseres Platzes als Abhängige, die nichts beanspruchen, bekommen oder tun können als das, was die Gnade schenkt? Demut ist einfach die Haltung, die die Seele darauf vorbereitet, vom Vertrauen zu leben.« — Andrew Murray, Demut
Eine Parade, ein Gefeierter
In Teil 1 haben wir festgehalten: Gott ist der, der etwas tut. Er ist es, der sich heilig erweist. Und er ist es, der es durch dich tun wird. Wenn das stimmt: Was soll unsere Antwort auf einen Gott sein, der sich bewegt, handelt und alles tut? Glaube ist die endgültige Antwort auf das, was Gott von uns erbittet. Gott allein kann sich als heilig erweisen. Gott allein kann es geschehen lassen. Und Gott allein wird die Ehre bekommen. Am Ende wird es eine Parade geben, eine Feier, für eine Person, weil eine Person alles getan hat.
Aber Gott schließt uns ein. Er gibt uns eine Rolle. Er wirkt durch uns. Unsere Antwort in dieser Rolle ist abhängiges Vertrauen und Glaube an ihn.
Frag Noah, wer die Arche gebaut hat. Frag Mose, wer das Meer geteilt hat. Frag David, wer Goliat besiegt hat.
Gott erweist sich als heilig, und wir setzen unseren Glauben darauf, dass er es kann. Dieser abhängige Glaube öffnet so viele Türen und Fenster. Er öffnet unsere Augen, unsere Wahrnehmung und unsere Fähigkeit, die größere Geschichte zu erfassen. Ein alter Klassiker der geistlichen Literatur beschreibt es so:
»Der Glaube ist das Licht der Zeit. Er allein erkennt die Wahrheit, ohne sie zu sehen, berührt, was er nicht fühlen kann, sieht diese Welt an, als existierte sie nicht, und erblickt, was nicht offensichtlich ist. Er ist der Schlüssel zu den himmlischen Schätzen. Der Glaube besiegt alle Truggebilde der Lüge; durch den Glauben offenbart Gott sich und macht sich sichtbar. Der Glaube hebt den Schleier und deckt die ewige Wahrheit auf. Wenn Seelen das Verständnis des Glaubens geschenkt bekommen, spricht Gott durch die ganze Schöpfung zu ihnen, und das Universum wird für sie ein lebendiges Zeugnis, das der Finger Gottes fortwährend vor ihren Augen nachzeichnet: die Niederschrift jedes vergehenden Moments, eine heilige Schrift.« — Jean-Pierre de Caussade, The Sacrament of the Present Moment
Der Blick der Seele
Die Bibel verbringt weniger Zeit damit, den Glauben zu definieren, und mehr Zeit damit, zu zeigen, wie er im Leben aussieht. In Johannes 3 gibt uns Jesus die beste Analogie dafür, was Vertrauen und Glauben bedeutet. Er erklärt seinen Zuhörern, wie sie gerettet werden können, und verweist auf die eherne Schlange im 4. Buch Mose: »Und wie Mose damals in der Wüste die Schlange für alle sichtbar aufgerichtet hat, so muss auch der Menschensohn sichtbar aufgerichtet werden, damit jeder, der ihm vertraut, ewiges Leben hat« (Johannes 3,14-15). Der Blick auf die alttestamentliche Schlange und der Glaube an den neutestamentlichen Christus sind identisch: Das Schauen und das Glauben sind dasselbe. Nur: Israel schaute mit äußeren Augen, geglaubt wird mit dem Herzen.
Glaube ist der Blick einer Seele auf einen rettenden Gott.
Drei Dinge will ich aus dieser Analogie herausheben. Erstens: Glaube ist andauernd. Er ist ein Blick, ein langes, beständiges Schauen. Die Israeliten sollten auf die Schlange blicken, um geheilt zu werden, und ich habe nicht den Eindruck, dass man kurz vorbeispazierte, einen Blick riskierte, geheilt war und nach Hause ging. Es war keine Impfung. Solange sie ihren Blick auf die Schlange richteten, wurden sie geheilt; schweiften sie ab, hörte die Heilung auf. Genauso lädt Jesus uns nicht zu einem einmaligen Akt der Zustimmung ein, wenn wir in Beziehung mit ihm treten. Er lädt uns zu einem Leben des anhaltenden Blicks ein. Von Jesus selbst heißt es: Seine Kraft lag in seinem fortwährenden Schauen auf den Vater. Dieses abhängige Glaubensleben (wir werden es in den nächsten Kapiteln genauer erkunden) wird uns überraschen, das verspreche ich. Es passt nicht in unsere alten Paradigmen, unsere alten Zisternen (Jeremia 2,13) oder Weinschläuche (Matthäus 9,17). Jesus kam nicht, um ein neues Regelwerk zu liefern. Er kam, um uns eine völlig neue Art zu leben vorzustellen. Leben jenseits unserer Vorstellung. Ein Leben, das ganz uns gehört, durch Glauben.
Zweitens: Es kommt auf das Objekt des Blicks an. An Jesus zu glauben heißt, unsere Konzentration, unser Vertrauen auf ihn zu richten: »[…] richtet euch auch ganz nach oben aus, wo Christus ist: auf dem Ehrenplatz neben Gott. Seid auf das Himmlische bedacht und nicht auf das Irdische« (Kolosser 3,1-2). »Und dabei wollen wir auf Jesus schauen. Er hat gezeigt, wie der Glaubenslauf beginnt und wie er zum Ziel führt« (Hebräer 12,2). Glaube ist dieses beständige Ausrichten unserer Aufmerksamkeit auf Gott, auf die Gegenwart Gottes, als hinge unser Leben davon ab. Das Geheimnis und die Kraft liegen nicht in der Intensität unseres Starrens, sondern im Objekt unserer Aufmerksamkeit und unseres Vertrauens. Es ist ein Leben, fokussiert auf die unglaublichste Person der Welt. Durch Glauben wird seine Gegenwart unser Leben durchdringen.
Und drittens: Glaube lenkt keine Aufmerksamkeit auf sich selbst. Tozer erinnert uns:
»Der Glaube ist die am wenigsten selbstbezogene der Tugenden. Seinem Wesen nach ist er sich seiner eigenen Existenz kaum bewusst. Wie das Auge, das alles vor sich sieht und nie sich selbst, ist der Glaube mit dem Objekt beschäftigt, auf dem er ruht, und schenkt sich selbst überhaupt keine Beachtung.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Dieser Gedanke passt zu allem, was wir gesehen haben: Gott tut etwas, und die Geschichte handelt von ihm. Glaube zieht die Aufmerksamkeit nicht auf uns. Er hält sie auf Jesus. Dieser abhängige, vertrauende Glaube gibt die Ehre dem, dem sie gebührt. Gott tut das Werk, und am Ende geht aller Ruhm an ihn.
Die Frage im Tal der Knochen
Glaubst du das? Wirklich? Hesekiel hörte alles, was Gott vorhatte: dass Gott seinen Namen heilig machen würde, durch euch, vor ihren Augen. Vielleicht fragte sich Hesekiel, ob Gott das wirklich durchziehen kann. Nun, in Kapitel 37 führt Gott Hesekiel hinaus in ein Tal voll vertrockneter Menschenknochen. Wie tot kann tot sein? Tot bedeutet: machtlos, hilflos. Diese Knochen konnten nichts tun, um sich selbst zu retten. Sie waren so hilflos, wie man nur sein kann. Dann sagte Gott zu Hesekiel: Weissage diesen Knochen. Und die Knochen, die keinerlei Kraft in sich hatten, begannen sich zu bewegen und zu rasseln. Sie fügten sich zusammen: Knochen, Sehnen, Fleisch, Haut. Und Gott ließ Hesekiel Atem in sie hineinsprechen, und sie wurden lebendig, »ein riesiges Heer« (Hesekiel 37,10).
Freund, diese Knochen sind du und ich. Wir waren einst geistlich tot, hilflos, uns selbst zu retten. Aber der Gott, von dem wir träumen, kann Tote lebendig machen. Gott hat Hesekiel gezeigt, dass er es durchziehen kann. Die einzige Frage ist, ob wir es ihm zutrauen.
Diese ersten vier Kapitel waren ein Fundament, gebaut aus den Steinen des Kontexts: Heiliger Name, Kampf, das Unsichtbare, Glaube. Die nächsten drei Kapitel handeln von der guten Nachricht des Evangeliums von Jesus Christus. Sie schauen auf das Kreuz und alles, was Gott dort vollbracht hat. Und so viel wissen wir jetzt schon: Am Kreuz gibt es nichts, das du mit Gewalt ergreifen könntest. Nichts, wofür du arbeiten könntest. Der einzige Weg, sich irgendeinen Segen des Kreuzes anzueignen, ist abhängiges Vertrauen. Weiter geht es im nächsten Kapitel mit dem ersten Stein der Evangeliums-Ebene: Vergebung.

Die Bücher aus diesem Kapitel
- The Pursuit of God von A.W. Tozer ist auf Deutsch als »Gottes Nähe suchen« erschienen: SCM-Shop · Amazon · Thalia · unabhängige Buchhandlung
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- He That Is Spiritual von Lewis Sperry Chafer ist bisher nur auf Englisch erhältlich.

Vergebung
Erst die Vorspeise
Wenn Menschen über Jesus reden, fangen sie meistens beim Kreuz an. Es ist mit Sicherheit das entscheidendste Stück des Evangeliums. Aber das Kreuz kann viel von seiner Bedeutung verlieren, wenn es nicht durch die Brille des Kontexts gesehen wird. Wie wir in den ersten vier Kapiteln gesehen haben: Gott tut etwas, für seinen heiligen Namen. Er tut es mitten in einem Kampf. Und Jesus kommt und lädt uns in ein Leben ein, das im Unsichtbaren wurzelt und durch Glauben ergriffen wird.
Zurück zu Hesekiel: der Plan
Gehen wir zurück zu Hesekiel im Alten Testament. Du erinnerst dich an Teil 1: Hesekiel 36,23 zeigt uns das große Bild. Gott macht seinen Namen heilig, durch sein Volk, vor den Augen aller. Und was ist der Plan? In den Versen 25 bis 27 sagt Gott, wie er es tun wird. Das ist gute Nachricht, nicht nur für die Israeliten in babylonischer Gefangenschaft, sondern auch die gute Nachricht des Evangeliums von Jesus Christus für uns, prophezeit 550 Jahre vor seinem Werk am Kreuz. In Vers 25 sagt Gott:
»Dann werde ich reines Wasser auf euch sprengen und euch so von allem Dreck und allen Götzen reinigen.« — Hesekiel 36,25
In der Pyramide nenne ich diese Reinigung mit reinem Wasser Vergebung. Sie liegt auf der zweiten Ebene und ist der erste von drei Aspekten von Gottes erlösendem Werk für uns. Jesus wird dich und mich durch sein Werk am Kreuz von unseren Sünden reinigen. Er wird uns Vergebung erwirken. Das ist die alttestamentliche Version des Evangeliums, das wir kennen: Jesus stirbt am Kreuz für die Sünden der Menschen.

Eine Spur aus Blut durch das Alte Testament
Aber wie konnte der Tod eines Mannes das vollbringen? Gottes Weg, mit unserer Sünde umzugehen, war seit jeher mit dem Vergießen von Blut verbunden. Als Adam und Eva sündigten, schämten sie sich und bedeckten sich mit Feigenblättern. Ihre Antwort war unzureichend; Gott machte ihnen Kleidung aus Fell (1. Mose 3,21): das erste überlieferte Vergießen von Blut. Später brachten Kain und Abel dem Herrn Opfer (1. Mose 4,2-5); Abels wohlgefälliges Opfer aus der Herde war durch vergossenes Blut möglich.
Als Mose das Volk aus Ägypten führte, war die letzte Plage der Tod der Erstgeborenen. Die einzige Rettung eines Hauses war das Blut eines einjährigen Lamms, gestrichen an die Türrahmen, damit der Herr das Blut sieht und vorübergeht (2. Mose 12). Nach dem Auszug gab Gott Mose und dem Volk das Gesetz: Wer sündigte, brachte dem Priester ein Opfer, meist ein Tier. Der Priester tötete es und vergoss sein Blut als Sühne, als Bezahlung für die Sünde. »Nach dem Gesetz muss fast alles mit Blut gereinigt werden. Und ohne Opferblut gibt es keine Vergebung« (Hebräer 9,22). Am Versöhnungstag brachte der Hohepriester ein Opfer für das ganze Volk. Das Blut wurde auf den Sühnedeckel der Bundeslade gesprengt, damit Gott die Schuld des Volkes nicht mehr sieht.
Ein Blut, das nicht zudeckt, sondern entfernt
Als Jesus kommt, erfüllt sein Tod dieses ganze System der Sühne durch Blut und hebt es in vielerlei Hinsicht auf. Johannes der Täufer sieht Jesus und ruft: »Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!« Der Hebräerbrief erklärt es so:
»Christus ist nicht in ein von Menschen gemachtes Heiligtum gegangen, das nur eine Nachbildung des wahren ist; er ging in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen. Auch nicht, um sich immer wieder zu opfern, wie der Hohepriester jedes Jahr mit fremdem Blut das Allerheiligste betritt. […] Er ist ein für alle Mal erschienen, um durch das Opfer seiner selbst die Sünde aufzuheben. Und wie der Mensch bestimmt ist, einmal zu sterben, so wurde Christus einmal geopfert, um die Sünden vieler wegzunehmen.« — nach Hebräer 9,24-28
»Kraft dieses Willens sind wir geheiligt durch das Opfer des Leibes von Jesus Christus, ein für alle Mal. Jeder Priester steht Tag für Tag da und bringt immer wieder dieselben Opfer, die niemals Sünden wegnehmen können. Dieser Priester aber hat ein einziges Opfer für die Sünden gebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt. […] Denn mit einem einzigen Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht.« — nach Hebräer 10,10-14
Christus vergießt sein Blut ein für alle Mal. Er kann das wegen des Wesens seines Opfers: Er war Gott, lebte ein sündloses Leben, vergoss sein eigenes Blut und starb einen stellvertretenden Tod. Sein Blut ist dem Blut von Stieren und Böcken überlegen. Das Blut der Tiere hat unsere Sünde bloß zugedeckt, wie eine Decke, damit Gott unsere Schuld nicht sieht. Aber das Blut von Jesus entfernt unsere Sünden. Es reinigt uns.
»Wasche meine Sünde ganz von mir ab, reinige mich von meiner Schuld! […] Entsündige mich mit Ysop, so werde ich rein; wasche mich, dann bin ich weißer als Schnee.« — Psalm 51,4.9
»Ich reinige sie von all ihren Sünden, die sie gegen mich begingen, und vergebe ihnen die bösen Taten ihrer Auflehnung gegen mich.« — Jeremia 33,8
Das ist der Weg zur Vergebung. Es ist der einzige. Chafer bemerkt dazu:
»Göttliche Vergebung ist niemals ein Akt der Nachsicht. Gott kann nur dann gerecht vergeben, wenn seiner Heiligkeit volle Genüge getan wurde. Die Wurzelbedeutung des Wortes vergeben in der Schrift ist Wegnahme: der göttliche Akt, die Sünde vom Sünder zu trennen. Menschliche Vergebung erlässt bloß die Strafe. Göttliche Vergebung geschieht erst, wenn die Strafe nach den Maßstäben seiner unendlichen Gerechtigkeit vollstreckt wurde: am Sünder, oder an seinem Stellvertreter.« — Lewis Sperry Chafer
Vollständig angenommen
Das ist die Grundlage unserer Annahme durch Gott. Es ist eine vollständige Annahme, eine, die wir uns nicht verdienen können: ein Geschenk, das gegeben ist und nur durch Glauben empfangen werden kann. Miles Stanford schreibt in The Green Letters:
»Jeder Gläubige ist vom Vater angenommen, in Christus. Darauf soll unser Friede gründen. Gott kann durch unseren Herrn Jesus Christus mit uns in Frieden sein (Kolosser 1,20). Und wir dürfen nie vergessen: Sein Friede gründet allein auf dem Werk des Kreuzes, völlig unabhängig von allem, was in uns oder von uns ist. Seine Grundlage muss unsere Grundlage der Annahme sein. Eine andere gibt es nicht. Der Vater ist mit seinem geliebten Sohn an unserer Stelle vollkommen zufrieden.« — Miles Stanford, The Green Letters
Das ist überwältigend. Die Realität davon ist schwer zu begreifen und anzunehmen. Und oft, weil es uns so vertraut ist, weil wir es so oft gehört haben, verliert Gottes Gnade etwas von ihrem Glanz und ihrer Anziehungskraft. George MacDonald schreibt: »Nichts ertötet das Göttliche so sehr wie der gewohnheitsmäßige Umgang mit der Außenseite heiliger Dinge.« Unser größter Feind sind wir selbst, und wir geben uns viel zu schnell mit etwas zufrieden, das kleiner ist als das, was Gott beabsichtigt hat. Jesus bietet dir und mir eine Liebe und Vergebung an, die jenseits unserer kühnsten Träume liegt.
Er wurde nicht getötet
Wie kann ich das Ausmaß dieser Liebe vermitteln? Ich weiß nicht, wie gut du die Geschichte von Jesus und seinem Tod am Kreuz kennst. Vielleicht weißt du, dass Jesus Gott im Fleisch war und als Opfer für unsere Sünden starb. Aber lass mich dir von einem Gott erzählen, einer Liebe, einem Jesus, der dich verfolgt hat, als du nicht nach ihm gesucht hast, als du dachtest, du brauchst ihn nicht.
»Denn der Messias ist schon damals, als wir noch ohnmächtig ‹der Sünde ausgeliefert› waren, für uns gottlose Menschen gestorben. Nun wird sich kaum jemand finden, der für einen Gerechten stirbt; eher noch würde sich jemand für eine gute Sache opfern. Aber Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.« — Römer 5,6-8
Mitten im Dienst, in der Blüte seines Lebens, wird Jesus getötet. Richtig? Nein. So ist es nicht passiert.
Jesus wurde nicht getötet. Er legte sein Leben freiwillig hin, für dich und mich.
Überleg mal: Wenn du wüsstest, dass du sterben wirst, und eine Ahnung hättest, wann, wo und wie: Würde diese Information verändern, wie du lebst? Was würdest du anders machen? Jesus wusste all das, und er ging trotzdem weiter darauf zu. Hast du das gehört? Jesus ging wissentlich auf den Tod zu. Und er tat es, weil Gott dich liebt.
Jesus hätte an jedem Punkt aussteigen können. In der Nacht seiner Verhaftung zum Beispiel: »Meinst du nicht, dass ich meinen Vater um Hilfe bitten könnte und er mir sofort mehr als zwölf Legionen Engel stellen würde?« (Matthäus 26,53). Aber dieser Ruf wurde nie abgesetzt. Später in dieser Nacht suchten die Hohepriester und der ganze Hohe Rat nach falschen Beweisen gegen Jesus, um ihn töten zu können. Sie fanden keine, obwohl viele falsche Zeugen auftraten. Schließlich traten zwei vor und erklärten: »Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen.« Der Hohepriester stand auf und sagte zu Jesus: »Willst du nicht antworten? Was ist mit dieser Aussage?« Aber Jesus schwieg. Da sagte der Hohepriester: »Ich beschwöre dich beim lebendigen Gott: Sag uns, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes!« Und Jesus antwortete: »Du hast es gesagt. Und ich sage euch allen: Von jetzt an werdet ihr den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten des Mächtigen und kommen auf den Wolken des Himmels.«
Er hätte sich verteidigen können. Stattdessen sagte er ihnen genau das, was sie hören wollten. Er sagte die Wahrheit. Er legte sein Leben hin, für dich und mich.
Als die Soldaten ihn entkleideten, schlugen und verspotteten, ihm eine Dornenkrone aufsetzten: Er hätte ein Wort sprechen, sein Schwert aufblitzen lassen und weggehen können. Er tat es nicht. Er wurde hinausgeführt nach Golgota, den Schädelplatz, wo man Verbrecher kreuzigte. Die Soldaten kamen mit Nägeln, bereit für den Kampf, jemanden an ein Kreuz zu nageln. Er hätte sich wehren können. Er tat es nicht. Er legte sich buchstäblich selbst hin, für dich und mich.
Nach drei Stunden wurde es dunkel, unheimlich dunkel. Alle Sünden der Welt, deine und meine, alle Finsternis, lag auf diesem einen Mann, Jesus. Nach drei weiteren Stunden schrie er: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Genau dieser Schrei steht im ersten Vers von Psalm 22, geschrieben fast tausend Jahre vor dem Tod von Christus. Lies ihn! Im Ernst: Halte an und lies jetzt den ganzen Psalm. Zum ersten Mal, mit der Sünde der Welt auf seinen Schultern, erlebte Jesus die Strafe für deine und meine Sünde: Trennung. Auf geheimnisvolle Weise nahm die dreieinige Beziehung von Vater, Sohn und Heiligem Geist die Sünde der Welt auf sich. Für eine kurze Zeit fühlte und erlitt Jesus, was du und ich verdient haben: »Eure Vergehen haben die Mauer gebaut, die zwischen euch und eurem Gott steht. Eure Sünden verhüllten sein Gesicht, dass er euch auch nicht anhören will« (Jesaja 59,2). Er legte sein Leben hin, als Stellvertreter, für dich und mich.
Ich will in diesem Kapitel eines völlig klarmachen: Jesus starb, aber er wurde nicht getötet. Normalerweise dauerte es etwa vierundzwanzig Stunden, bis jemand am Kreuz starb. Aber Jesus ruft schon nach sechs Stunden: »Es ist vollbracht!« Das griechische Wort dafür, tetelestai, wurde damals auch auf Rechnungen benutzt und bedeutet: vollständig bezahlt. Dann: »Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist« (Lukas 23,46). Er legt sein Leben hin, für dich und mich. In Johannes 10 sagt Jesus:
»Und weil ich mein Leben hergebe, liebt mich mein Vater. Ich gebe es her, um es wieder an mich zu nehmen. Niemand nimmt es mir, sondern ich gebe es freiwillig her. Ich habe die Macht, es zu geben, und die Macht, es wieder an mich zu nehmen. So lautet der Auftrag, den ich von meinem Vater erhalten habe.« — Johannes 10,17-18
Jesus hat, wegen der großen Liebe, die er und der Vater und der Geist für uns haben, sein Leben hingelegt, für dich und mich. Das ist wahrhaft unbegreiflich.
Nur Zehner kommen in den Himmel
Diese Liebe wäscht uns, aber auf eine Weise jenseits unserer kühnsten Träume. Sie deckt unsere Sünden nicht bloß zu wie eine Decke, damit Gott sie nicht sieht: »So weit der Osten vom Westen entfernt ist, so weit schafft er unsere Schuld von uns weg« (Psalm 103,12). Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sogar die Sünden, die wir morgen begehen werden. Diese Vergebung ist ohne Vergleich.
Lass es mich greifbar machen. Wenn wir uns auf einer Skala von eins bis zehn bewerten würden, eins für rettungslos schlecht, zehn für gut und vollkommen: Welche Zahl würdest du dir geben? Such dir eine aus, irgendeine. Und hier ist der Punkt: Nur Zehner kommen in den Himmel. Ich sage es noch einmal: Nur Zehner kommen in den Himmel. Ein heiliger, vollkommener Gott kann nur mit Wesen in Beziehung sein, die heilig und vollkommen sind. Der Himmel ist ein Ort, an dem es überhaupt kein Böses gibt. Ohne ein Wunder, ohne einen Retter, hätte ich nie eine Chance, als vollkommen zu gelten. Es wäre hoffnungslos.
Der Tod von Christus am Kreuz, und unser abhängiges Vertrauen auf sein Werk dort, macht uns zu Zehnern. Er macht uns in den Augen des Vaters heilig und vollkommen. Der Vater sieht mich durch das Blut von Jesus. Es macht uns annehmbar.
»Das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich selbst versöhnt hat und uns den Dienst der Versöhnung gab: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst, indem er den Menschen ihre Sünden nicht anrechnete. […] Denn er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.« — nach 2. Korinther 5,18-21
Adoptiert als Söhne
Und die Annahme geht noch weiter: »Aus Liebe hat er uns schon damals dazu bestimmt, durch Jesus Christus seine Kinder zu werden. Das war sein eigener gnädiger Wille« (Epheser 1,5). Das ist übrigens keine bloß altertümliche Männersprache: Auch alle Frauen sind als Söhne adoptiert, nicht als Töchter. Denn in jener Kultur hatten nur Söhne das Erbrecht, und wir alle haben jetzt ein gleiches Erbe in Christus.
»Denn alle, die von Gottes Geist geführt werden, sind Söhne Gottes. Ihr habt ja nicht einen Geist der Sklaverei empfangen, um wieder in Furcht zu leben, sondern den Geist der Sohnschaft. Durch ihn rufen wir: Abba, Vater! Der Geist selbst bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind: Erben Gottes und Miterben von Christus.« — nach Römer 8,14-17
Schränke voller Gewänder
Es ist eine Annahme jenseits deiner kühnsten Träume. Eine Vergebung, eine Liebe, die unbegreiflich ist. Paulus betet, dass wir imstande sind, »das ganze Ausmaß ‹der Liebe Christi› zu erfassen, seine Breite, Länge, Höhe und Tiefe; ja zu erkennen, was alle Erkenntnis übersteigt: die unermessliche Liebe, die Christus zu uns hat« (Epheser 3,17-19).
Ich habe das Vorrecht, bei Mission Waco eine Bibelgruppe zu leiten, die für Menschen am Rand der Gesellschaft gedacht ist. Nirgendwo sonst bin ich mit Männern zusammen, die verzweifelter hungrig nach Jesus sind, und ich werde durch sie gedemütigt. Wenn ich mich vorstelle, sage ich, in der Tradition eines AA-Treffens, meistens: »Mein Name ist Ronnie Smith, und ich bin ein trockengelegter Mistkerl.« Denn das ist meine wahre Sucht: meine Sündennatur. Niemand kennt meine Sünde so wie ich, und selbst ich bin für das meiste davon blind.
Wenn ich an die Geschichte vom verlorenen Sohn denke: Dass der Vater den Sohn zurücknimmt, verstehe ich. Dieser Teil ist fast noch fassbar. Aber Jesus liebt mich, vergibt mir, auf eine Weise, die jenseits meiner kühnsten Träume liegt. Hier ist, was ich nicht begreifen kann: Ich bin nicht bloß ein-, zwei- oder dreimal davongelaufen wie der verlorene Sohn. Ich bin wieder und wieder und wieder anderen Göttern hinterhergelaufen. Als der verlorene Sohn heimkam, überschüttete ihn sein Vater mit einem Gewand, einem Ring und Sandalen. Nun: In meinem unsichtbaren Haus stehen Schränke voller Gewänder, eine Kommode voller Ringe und ebenso viele Sandalen.
Nimm alles, was du in diesem Kapitel über seine Liebe und Vergebung gelesen hast, und multipliziere es mit ungefähr hunderttausend. Dann kommen wir vielleicht in die Nähe dessen, was über Gott wirklich wahr ist. Er ist der Gott unserer Träume, der treu ist und uns mit beständiger Liebe liebt. Er nimmt uns an und vergibt uns.
Angenommen, versöhnt, adoptiert, gereinigt: Das ist die Vergebung. Und jetzt halt dich fest: Wenn das Evangelium ein Drei-Gänge-Menü ist, dann war das erst die Vorspeise. Im nächsten Kapitel kommt der Hauptgang: Freiheit.
Die Bücher aus diesem Kapitel
- He That Is Spiritual von Lewis Sperry Chafer und The Green Letters von Miles Stanford sind bisher nur auf Englisch erhältlich.

Freiheit
Frei, nicht nur begnadigt
Ich beginne dieses Kapitel mit der Pyramide aus Teil 2. Zur Erinnerung: Die Pyramide ist nur eine visuelle Hilfe. Sie erinnert uns an die größere Geschichte. Die vier Steine der unteren Reihe stehen für den Kontext, der uns vorbereitet und verstehen hilft, was als Nächstes kommt. Die drei Steine der mittleren Reihe stehen für das Kreuz, das Evangelium. Das Leben, zu dem Jesus einlädt, das Leben jenseits unserer kühnsten Träume, liegt in der oberen Hälfte der Pyramide, und es fließt aus dem heraus, was Jesus am Kreuz für uns getan hat.

Ist dir aufgefallen, dass die Evangeliums-Ebene der Pyramide drei Steine hat? Und doch haben wir im vorherigen Kapitel das erkundet, was die meisten für den Großteil der guten Nachricht halten. Wir haben den Vergebungs-Aspekt des Evangeliums so stark betont, dass der Gedanke, Jesus zu folgen, sein Jünger zu sein, zu einem separaten Anhängsel geworden ist. Und dieses Anhängsel wurzelt in der Lüge, dass nach allem, was Gott für uns getan hat, jetzt endlich unsere Chance gekommen sei, etwas zu tun, etwas zurückzugeben. Wir versuchen, uns Gottes Gnade zu verdienen. Aber das ist nicht das Leben, das Jesus anbietet.
Das Leben, in das Jesus uns einlädt, hängt damit zusammen, dass Gott etwas durch uns tut. Und dieses Leben wird im und durch das Evangelium gefunden. Dieser Stein, die Freiheit, sitzt im Zentrum des Evangeliums. Übrigens sitzt er auch genau im Zentrum unserer Pyramide. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte das so geplant. Aber er sitzt nun mal da, und ich glaube: Die Freiheit in Christus ist der beste Teil des Evangeliums, das Herzstück des Kreuzes.
Denk an die drei Steine wie an ein Menü: Alles, was du in Teil 5 über Vergebung gehört hast, war die Vorspeise. Jesus bietet Leben jenseits deiner kühnsten Träume an. Bist du bereit für den Hauptgang?
»Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, komme! Kauft und esst! Kommt, kauft Wein und Milch ohne Geld, umsonst! Warum gebt ihr Geld aus für das, was kein Brot ist, euren Lohn für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, dann bekommt ihr Gutes zu essen, und eure Seele wird sich laben am besten Mahl.« — nach Jesaja 55,1-3
Das neue Herz: Gottes Plan gegen die Sklaverei
Hesekiel gibt uns die Griffe für das Evangelium im alttestamentlichen Kontext. In 36,23 sagt er: Gott wird sich heilig erweisen, durch euch, vor ihren Augen. Es folgt der Plan. In Vers 25 erklärt Gott, dass er reines Wasser auf uns sprengen wird: die Vergebung, die wir in Teil 5 gesehen haben. Die zweite Komponente des Plans, der Teil, mit dem Gott uns befreit, steht im nächsten Vers:
»Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist: Das versteinerte Herz nehme ich aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges dafür.« — Hesekiel 36,26
Gott wird unser altes Herz wegnehmen und uns ein neues geben. Das ist Neuschöpfung. Und achte darauf: Er versucht nicht, unser altes Herz zu reparieren. Er schafft es ab. Er erschafft ein brandneues. Das ist der zentrale Plan des Kreuzes. Er steht für Freiheit.
Warum so radikal? Weil unser Problem tiefer liegt, als wir denken. Wenn wir das Problem unserer Sünde bloß als Schmutz wahrnehmen, dann brauchen wir nur eine gute Wäsche. Besser noch: Wenn das das einzige Problem ist, warum machen wir die Reinigung nicht selbst? Ist das nicht das Herz jeder Religion, wie die Welt sie kennt? Haben nicht alle Religionen der Welt genau das im Kern ihrer Überzeugungen: die Vorstellung, dass Menschen nur den Schmutz in ihrem Leben überwinden müssen? Jede setzt auf die eigene Reinigung, die eigene Anstrengung zur Selbstverbesserung. Religion kreist um das Dilemma, wie man mit dem Sündigen aufhört. Und auch das Christentum, wenn es seinen Weg verloren hat, drängt uns genau dahin: ein altes Herz zu reparieren, das nicht einmal Gott zu reparieren versucht. Chafer sagt:
»Wahre Geistlichkeit besteht nicht in dem, was jemand nicht tut, sondern in dem, was er tut. Sie ist nicht Unterdrückung, sondern Ausdruck. Sie ist nicht das Festhalten des Ich, sondern das Ausleben von Christus.« — Lewis Sperry Chafer
Gott allein kennt die Natur des wirklichen Problems, und es ist mehr als Schmutz. Es ist eine Herzens-Frage. Du und ich haben von Adam eine Sündennatur geerbt, ein altes Herz aus Stein, in dem die Wurzeln der Rebellion noch stecken. Dieses Herz will Gott nicht, wird Gott nicht wählen und ist bis in den Kern selbstsüchtig. Jesus spricht diese Sucht nach dem Ich an und nennt sie Sklaverei:
»Wenn ihr an meiner Lehre festhaltet, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.« Sie antworteten: »Wir sind Nachkommen Abrahams und sind nie Sklaven von irgendjemandem gewesen. Wie kannst du sagen: Ihr werdet frei werden?« Jesus erwiderte: »Ich sage euch die Wahrheit: Jeder, der sündigt, ist ein Sklave der Sünde. Ein Sklave hat keinen dauerhaften Platz in der Familie, aber ein Sohn gehört für immer dazu. Wenn euch also der Sohn frei macht, seid ihr wirklich frei.« — nach Johannes 8,31-36
Du und ich wurden als Sklaven der Sünde geboren. Wir haben es geerbt und sind Sklaven vom ersten Moment an. Dieses Sklavenleben ist alles, was wir je gekannt haben, und gerade deshalb ist es in der sichtbaren Welt vor uns verborgen. Wie die Juden, mit denen Jesus sprach, sind wir blind für seine Gegenwart in unserem Leben.
Der nächste Satz kommt schlicht aus meiner eigenen Erfahrung von Sklaverei, mit genau der Autorität, die Erfahrung hat: Mein altes Herz scheint mit dem Feind verheiratet, als wären sie ein Fleisch geworden. Sie scheinen eine Beziehung zu haben, eine Verbindung, eine direkte Form der Kommunikation. Der Feind kann Lügen flüstern, die genau in die Zerbrochenheit meines alten Herzens hineinsprechen. Es ist, als wäre mein altes Herz so lange in Gefangenschaft gewesen, dass es in irgendeiner Form mit dem Bösen verbunden ist. Das ist meine Erfahrung der Sklaverei.
Die Operation: Wir starben mit ihm
Gottes Antwort auf dieses Dilemma war eine große Transplantation. Der Plan war nicht, unsere korrumpierten alten Herzen zu flicken. Seine Antwort war, ein neues Herz zu erschaffen, aus dem Tod und der Auferstehung von Christus. Paulus sagt es deutlich:
»Wir sind der Sünde gestorben, wie können wir noch in ihr leben? Oder wisst ihr nicht, dass wir alle, die auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden also mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit auch wir ein neues Leben führen, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde. […] Denn wir wissen: Unser alter Mensch wurde mit ihm gekreuzigt, damit der Leib der Sünde abgetan sei und wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Denn wer gestorben ist, ist von der Sünde freigesprochen. […] So auch ihr: Haltet euch für tot gegenüber der Sünde, aber für lebendig für Gott, in Christus Jesus.« — nach Römer 6,1-13
Gottes Antwort war nicht, das alte Herz zu reparieren, sondern es sterben zu lassen. Und wie hat er das getan? Er hat sich mit dir und mir vereint. Das ist ein Schachzug, auf den nur der Gott deiner Träume kommen kann. Diese Vereinigung wird auch im Kolosserbrief entfaltet: In Christus wurden wir beschnitten (2,11), mit ihm begraben in der Taufe (2,12), mit Christus lebendig gemacht (2,13), mit Christus gestorben (2,20) und mit Christus auferweckt (3,1). Er hat uns mit ans Kreuz genommen, und als er starb, starben wir (Galater 2,20). Wir sind mit Christus vereint. Sein Tod war nicht nur ein Ersatz für unseren, eine Bezahlung unserer Schuld. Er starb auch als der Weg zu unserer Befreiung.
So haben es andere formuliert:
»Wie die Erkenntnis, dass Christus als unsere Sühne für die Sünde starb, für unsere Rechtfertigung unerlässlich ist, so ist die Erkenntnis, dass Christus, und wir mit ihm, in der Gleichheit seines Todes der Sünde gestorben sind, für unsere Heiligung unerlässlich.« — Andrew Murray, Like Christ, zitiert nach Miles Stanford, The Green Letters
»Das Blut erwirkt unsere Begnadigung. Das Kreuz erwirkt die Befreiung von dem, was wir in Adam sind. Das Blut kann meine Sünden abwaschen, aber es kann nicht meinen alten Menschen abwaschen: Ich brauche das Kreuz, um mich zu kreuzigen.« — Watchman Nee, Das normale Christenleben
»Unser verständiger Glaube, der auf den Tatsachen von Golgatha steht, gibt dem Heiligen Geist die Freiheit, dieses vollendete Werk in unser tägliches Leben zu bringen.« — Miles Stanford, The Green Letters
»Als unser Stellvertreter ging er allein ans Kreuz, ohne uns, um die Strafe unserer Sünden zu bezahlen. Als unser Repräsentant nahm er uns mit ans Kreuz, und dort, vor den Augen Gottes, starben wir alle zusammen mit Christus. Uns kann vergeben werden, weil er an unserer Stelle starb; wir können befreit werden, weil wir mit ihm starben. Gottes Weg der Befreiung für uns, ein Geschlecht hoffnungslos Unheilbarer, ist, uns im Kreuz seines Sohnes beiseitezutun und dann einen neuen Anfang zu machen, indem er uns neu erschafft, in Einheit mit ihm, dem Auferstandenen, dem Lebendigen.« — Watchman Nee, Das normale Christenleben
Und Chafer ergänzt den Blick auf die Auferstehung:
»Was für eine Befreiung, was für ein Wandel kann erfahren werden, da er der Kraft und Herrlichkeit der Auferstehung entspricht! Auferstehung, sei hinzugefügt, ist nicht die bloße Umkehrung des Todes; sie ist die Einführung in die Kraft und die grenzenlosen Weiten des ewigen Lebens.« — Lewis Sperry Chafer
Was für eine Befreiung! Alles, damit wir in einem neuen Leben wandeln.
Der Mann, der durchs Dach kam
Lass mich das mit einer vertrauten Geschichte aus den Evangelien greifbar machen (Markus 2,1-12). Jesus lehrt, der Raum quillt über, die Menge füllt die Türen und drängt aus den Fenstern. Vier Männer wollen unbedingt ihren gelähmten Freund vor Jesus bringen, denn sie wissen um seine Heilungskraft. Sie holen ihn auf seiner Matte aus dem Haus, sehen die Menge, lassen sich nicht beirren, steigen aufs Dach, decken es ab und lassen ihren Freund durch das Loch hinunter.
Hast du dich je gefragt, was dieser Mann, der Gelähmte, dabei dachte? »Schaut nicht auf die Menge, bitte nicht hier! Da oben, die bringen mich noch um! Langsam! Was denken all diese Leute? …« Wenn sie ihn direkt vor dem stehenden Jesus herabließen, war Jesu Gesicht eines der ersten Dinge, die der Gelähmte sah. Ich weiß nicht, wie das Gesicht von Jesus aussah oder wie es war, ihm in die Augen zu schauen. Aber ich wette, von diesem Moment an gab es für den Gelähmten nichts anderes mehr.
Dann sagt Jesus: »Deine Sünden sind dir vergeben.« Ich glaube, der Gelähmte war der einzige Mensch im Raum, der Jesus wirklich verstand, als er diese Worte sprach. Er war sich seiner eigenen Sünde, Selbstsucht und Wut nur zu bewusst; körperliche Gebrochenheit hebt Sünde ja nicht auf und entschuldigt sie nicht. Und als die Worte kamen, war er der Einzige, den Jesus ansah. Die Umstehenden dagegen: Ich stelle mir vor, wie sie annahmen, Jesus brauche nur ein wenig Hilfe, das Problem zu erkennen. Ich höre sie förmlich rufen: »Das Problem sind seine Beine!«
Aber Jesus war gekommen, um mehr anzubieten als Vergebung: Er wollte ihn auch frei machen. Jesus sagte: »Steh auf, nimm deine Matte und geh nach Hause.« Die vier Männer auf dem Dach jubelten, lachten, legten die Ziegel zurück und feierten dann mit einem Freund, dem die Freiheit der Bewegung geschenkt worden war. Jesus kam, um mehr zu tun, als unsere Sünden abzuwaschen.
Sündlos, aber gestrandet?
Stell dir vor, du steckst in einer Wüste fest, mit Autopanne am Straßenrand, keine Rettung in Sicht. Endlich siehst du in der Ferne ein Auto kommen. Es wird langsamer, hält an, lässt ein Fenster herunter. Jemand spricht dir Vergebung zu, kurbelt das Fenster wieder hoch und fährt davon. Zurück bleibst du: sündlos, aber immer noch gestrandet.
Ist das das Leben in Fülle, von dem du geträumt hast? Natürlich nicht. Christus ist nicht gekommen, um dir alle Wünsche zu erfüllen und dich glücklich zu machen. Aber er ist gekommen, »Armen die gute Botschaft zu bringen und Gefangenen die Freiheit«, um Blinden zu sagen, dass sie sehen werden, und Zerbrochenen, dass sie frei werden von Schuld (Lukas 4,18). Gott macht seinen Namen heilig, durch dich, vor ihren Augen. Er ist für dich in einen Kampf gezogen und hat deine Freilassung gewonnen. Einen Teil dieser Freiheit wirst du in der sichtbaren Welt erleben, aber das meiste wurde für die unsichtbare gewonnen: eine Freiheit, die ewig hält. Du wirst sie nur durch Glauben erfahren. Und es ist eine Freiheit, ein Leben, jenseits deiner kühnsten Träume. Jesus schenkt diese Art Freiheit über ein neues Herz.
Das neue Ich
Dieses neue Herz, das uns gegeben wurde, ist kein neutrales Herz. Es ist ein edles Herz, gemacht aus der DNA von Jesus. Es wurde aus der Auferstehung von Christus geformt. Es kommt direkt von ihm, und sein neues Leben gibt dir Leben. »Durch das Eintauchen in den Tod sind wir also mit Christus zusammen begraben worden, damit so, wie Christus durch die herrliche Macht des Vaters von den Toten auferweckt wurde, wir nun ebenfalls in dieser neuen Wirklichkeit leben« (Römer 6,4).
Wegen dieses neuen Herzens sind wir jetzt buchstäblich neue Schöpfungen, neue Wesen: »Wenn also jemand mit Christus verbunden ist, ist er eine neue Schöpfung: Was er früher war, ist vergangen: Seht doch, etwas Neues ist entstanden!« (2. Korinther 5,17). Es ist nicht nur der Anfang unserer irdischen Verwandlung. Es ist der Anfang dessen, was wir das neue Ich nennen sollten.
Wenn wir sterben, bleiben unser altes Herz und unser alter Körper hier auf der Erde. Unsere alten Namen werden auf Grabsteinen stehen. Aber unser neues Herz wird nicht dort sein.
Es wird beim neuen Ich sein, dem neuen Geschöpf, im Himmel. Dieses neue Herz war schon immer der Anfang des neuen Ich. Es kennzeichnet uns als Brüder, Schwestern und Erben mit Jesus, als adoptierte Kinder des höchsten Gottes. Wenn wir in den Himmel kommen, bekommen wir neue Körper zu unseren neuen Herzen. Und wir bekommen neue Namen zu diesen neuen Körpern, unseren neuen Herzen und unseren neuen Identitäten. Das neue Du, deine neue Identität, ist schon da. Du hast sie in dem Moment empfangen, in dem du Christus vertraut hast. Jesus lädt dich ein, dich für tot zu halten gegenüber deinem alten Herzen und aus deinem neuen Herzen zu leben. Paulus betet, dass Gott »Er gebe eurem Herzen erleuchtete Augen, damit ihr seht, zu welch großartiger Hoffnung er euch berufen hat, und damit ihr wisst, wie reich das herrliche Erbe ist, das auf euch, die Heiligen, wartet« (Epheser 1,18-19). Ich bete, dass Gott die Augen deines neuen Herzens für ein Leben und eine Identität jenseits deiner kühnsten Träume öffnet. Das neue Du!
Vergebung war die Vorspeise, Freiheit der Hauptgang. Und wenn du denkst, besser kann es nicht werden: Es gibt noch ein Dessert. Im nächsten Kapitel: Gott in uns.
Die Bücher aus diesem Kapitel
- The Normal Christian Life von Watchman Nee gibt es auf Deutsch als »Das normale Christenleben«. Du findest es über Thalia, Amazon oder eine unabhängige Buchhandlung.
- He That Is Spiritual von Lewis Sperry Chafer ist bisher nur auf Englisch erhältlich.

Gott in uns
Gott wohnt in dir
Auf unserer Pyramide ist das der letzte der drei Steine, die für das Werk des Kreuzes stehen, für die gute Nachricht des Evangeliums. Wenn das Evangelium ein Drei-Gänge-Menü ist, dann ist das hier das Dessert. In Hesekiel 36 sagt Gott, dass er sich als heilig erweisen wird, durch euch, vor ihren Augen. Das ist das Thema der größeren Geschichte. Wie wir in Teil 5 und 6 gesehen haben, wird er das durch uns tun, indem er unsere Sünde entfernt und uns vergibt. Und er wird es durch uns tun, indem er uns von der Sünde befreit, die uns gefangen hielt: Er tötet unser altes Herz und gibt uns ein neues, edles Herz samt neuer Identität. Und hier ist das dritte Stück. Wenn deine Seele nach guter Nachricht hungert: Willkommen beim Dessert.
»Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und euch nach meinen Rechtsbestimmungen richtet.« — Hesekiel 36,27

Er ist gekommen, um zu bleiben
Gott wird seinen Geist in uns hineinlegen. Das ergibt Sinn: Damit Gott etwas durch uns tun kann, sollte er wohl in irgendeiner Form in uns sein. Aber Gott hätte das auch mit Besuchen lösen können. Er hätte uns mit seinem Geist salben können wie die Könige und Propheten des Alten Testaments: Dann hätten wir den Geist für eine Weile, genau dann, wenn wir ihn brauchen, wenn er nützlich ist.
Stattdessen hat er sich entschieden, in uns zu wohnen. Er hat sich entschieden, nicht bloß zu Besuch zu kommen. Nicht nur an Weihnachten und Ostern aufzutauchen, nicht nur sonntags, nicht nur für 30 Minuten am Morgen. Er hat sich entschieden, in uns zu leben und sein Zuhause in uns zu machen. Er ist gekommen, um zu bleiben.
Vielleicht liest du das wie eine weitere Information auf der langen Liste der Dinge, die man als Christ eben wissen muss. Aber stopp!
Halt die Druckerpresse an: Der Gott des Universums ist eingezogen, um in dir zu wohnen.
Richtig gelesen: in dir und mir, den zerbrochenen, schmutzigen Gefäßen, die er erlöst hat. Den Gefäßen, die er aus der Sklaverei freigekauft, gewaschen und befreit hat. Der höchste Gott lebt in uns. Er geht, wohin wir gehen. Gott ist überall, aber jetzt ist er auf besondere Weise in dir, und du bringst ihn mit an jeden Ort. Jetzt kann Gott tatsächlich, buchstäblich, etwas durch dich tun.
Im Neuen Testament sieht man diesen Gedanken am deutlichsten, wenn Paulus vom Leib von Christus spricht (Römer 12,3-5; 1. Korinther 12; Epheser 4). Das Bild vom Leib beschreibt die Einheit unserer Berufung: Wir sind vereint in dem, was Gott tut, ein Leib, dessen Haupt Christus ist. Es beschreibt auch unsere einzigartige Begabung und wie Gott jeden von uns individuell entworfen und befähigt hat, diese Begabung im Leib einzusetzen. Aber der Leib von Christus trägt auch das schlichte Konzept eines Behälters in sich: Wohin der Leib geht, geht Christus. Unsere Körper tragen Jesus mit sich. Jesus wirkt, spricht, liebt in uns und durch uns. Das ist das Herz von inkarnatorischem Dienst. Wir haben das Vorrecht zuzusehen, wie der Geist Jesus durch uns Gestalt geben will, gemeinsam mit allen Nationen, den Engeln und den Dämonen.
Was tut dieser Geist in uns konkret? Ganze Bibliotheken sind darüber geschrieben worden; was ich sage, ist nicht erschöpfend. Aber ich gebe dir die drei Griffe weiter, an denen ich mich festhalte.
Erstens: Er ist unsere Kraft
Robert E. Coleman schreibt in The Master Plan of Evangelism:
»Es war allein der Geist Gottes, der es einem ermöglichte, die erlösende Mission der Evangelisation weiterzuführen. Jesus war Gott in der Offenbarung; aber der Geist war Gott in der Ausführung. […] In diesem Licht wurde Evangelisation überhaupt nicht als menschliches Unternehmen verstanden, sondern als göttliches Projekt, das seit Anbeginn im Gang war und weitergehen würde. Die Jünger brauchten eine Erfahrung von Christus, die so real war, dass ihr Leben von seiner Gegenwart erfüllt wurde. […] Dass diese Männer ganz gewöhnliche Menschen waren, war überhaupt kein Hindernis. Es erinnert uns nur an die mächtige Kraft des Geistes Gottes, der seine Absichten in Menschen erreicht, die sich seiner Führung völlig überlassen. Am Ende liegt die Kraft im Geist von Christus. Es zählt nicht, wer wir sind, sondern wer ER ist.« — Robert E. Coleman, The Master Plan of Evangelism
Und Chafer ergänzt:
»Es ist der Geist Gottes, der etwas tut und den Gläubigen gebraucht, um es zu vollbringen: nicht der Gläubige, der etwas tut und Gott im Vorhaben um Hilfe bittet. […] Geistlichkeit wird nicht durch Anstrengung gewonnen: Sie will in Anspruch genommen werden. Sie ist nicht die Nachahmung eines himmlischen Ideals: Sie ist die Übertragung der göttlichen Kraft, die allein das Ideal verwirklichen kann.« — Lewis Sperry Chafer
Diese Autoren sind sich einig: Es ist der Geist, der uns befähigt zu beten, zu dienen, unsere geistlichen Gaben einzusetzen und mehr. Nichts Geistliches geschieht außerhalb des Geistes. Es gibt kein Leben außerhalb des Geistes. Ohne seine Kraft würden wir Gott nicht einmal wählen. Wir würden gewiss nicht außerhalb unserer selbst leben, aufopfernd für andere. Und wir würden nicht wählen, wie Jesus zu sein, ihm zu folgen oder an seinen Leiden teilzuhaben. Die Gegenwart des Geistes Gottes in uns ist unsere Befähigung für das gesamte Christenleben.
Ich erzähle dir, wie ich das gelernt habe. In meinen frühen Dienstjahren ertappte ich mich dabei, Dinge für Jesus zu tun. Wenn ich zurückblicke, brauchte ich seine Hilfe und seinen Segen, um die Show am Laufen zu halten. Zeitweise schien es mehr um mich zu gehen, meine Aufgaben und meinen Dienst, als um ihn. Ich sprach davon, für seinen Namen und seine Ehre zu arbeiten, aus Vertrautheit und guter Theologie, aber keins von beidem bewegte mein Herz wirklich. Das meiste dieses Dienstes geschah in der Kraft des Fleisches, mit meinen Fähigkeiten und Talenten. Und die sind übernatürlich gesehen kraftlos. Gott hat, wie durch ein Wunder und mir zum Trotz, meine Bemühungen für seinen heiligen Namen benutzt. Aber ich wurde hungrig auf etwas anderes, etwas Größeres, etwas mit Kraft. Der Kraft, von der wir im Neuen Testament lesen.
Schau dir Paulus' Gebete für die Gläubigen in Ephesus an (Epheser 1 und 3) und achte darauf, wie viel Paulus über Kraft redet. In Epheser 1 betet er, dass die Augen unserer Herzen erleuchtet werden, um seine überwältigend große Kraft für uns, die wir glauben, zu erkennen: »die Kraft, die nur zu messen ist an der gewaltigen Macht, die er an dem Messias wirken ließ, als er ihn aus den Toten auferweckt und in den himmlischen Welten an seine rechte Seite gesetzt hat« (Epheser 1,18-21). Es ist die Kraft, die Christus von den Toten auferweckt hat. Die Kraft, die alles an seinen rechtmäßigen Platz zurückbringen wird. Und dieselbe Kraft wohnt in dir und mir, weil der Geist, der all das vollbringen wird, in uns wohnt.
In Epheser 3 betet Paulus, dass Gott uns aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit innerlich mit Kraft stärkt, damit wir imstande sind, »das ganze Ausmaß ‹der Liebe Christi› zu erfassen, seine Breite, Länge, Höhe und Tiefe; ja zu erkennen, was alle Erkenntnis übersteigt: die unermessliche Liebe, die Christus zu uns hat. So werdet ihr erfüllt werden mit der ganzen Fülle, die von Gott kommt« (Epheser 3,16-19). Diese Kraft befähigt uns zu glauben, zu begreifen, zu wissen, wie riesig, wie gigantisch die Liebe von Christus zu uns ist. Und dann bricht Paulus in Lob aus: »Dem, der so unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder erdenken, und in seiner Kraft unter uns wirkt, ihm gebührt die Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus von Generation zu Generation in alle Ewigkeit. Amen« (Epheser 3,20-21).
Zweitens: Er führt und lehrt uns
Das Zweite, was der Geist für Gläubige tut: Er führt und leitet sie. Einer seiner Wege ist der des Lehrers. Jesus sagt den Jüngern:
»Ich habe euch noch viel zu sagen, mehr, als ihr jetzt tragen könnt. Wenn aber er kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern nur sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen, denn er wird von dem nehmen, was mir gehört, und es euch verkünden.« — nach Johannes 16,12-15
»Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der von Gott kommt. So können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat« (1. Korinther 2,12). Johannes schreibt sogar: »Ihr aber habt vom Heiligen selbst den Heiligen Geist erhalten. Und durch diese Salbung wisst ihr Bescheid. […] Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist lehrt euch das alles« (1. Johannes 2,20.27).
Der Geist Gottes führt uns, indem er uns lehrt. Er ruft uns Wahrheiten in Erinnerung: »Aber der Beistand, den der Vater in meinem Namen senden wird, der Heilige Geist, wird euch alles Weitere lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe« (Johannes 14,26). Und er benutzt das Wort Gottes als Schwert: »Nehmt das Schwert des Geistes, das Wort Gottes« (Epheser 6,17). »Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es ist schärfer als das schärfste zweischneidige Schwert, das die Gelenke durchtrennt und das Knochenmark freilegt. Es dringt bis in unser Innerstes ein und trennt das Seelische vom Geistlichen« (Hebräer 4,12). Diese Führung offenbart uns den Willen Gottes, und sie hat eine verstandesmäßige Seite: Theologie, Ethik, richtig und falsch, Wahrheit und Lüge. Das aufgeschriebene Wort Gottes wird immer der maßgeblichste Weg sein, auf dem der Geist Gottes sein Herz offenbart, Wahrheit zu uns spricht und uns in diesen Fragen führt.
Der andere Weg seiner Führung ist das, was die Bibel »im Geist wandeln« oder »vom Geist geführt werden« nennt. Chafer schreibt:
»Denn alle, die vom Geist Gottes geführt werden, sind Söhne Gottes. Der Wandel im Geist, das vom Geist geführte Leben, ist eine der großen neuen Wirklichkeiten dieses Zeitalters der Gnade. Und doch sind manche Gläubige so weit von diesem Segen entfernt, dass ihr tägliches Leben noch nach der Ordnung der alten Zeit geformt ist. Es ist eine der höchsten Herrlichkeiten dieses Zeitalters, dass das Kind Gottes ein übermenschliches Leben führen darf, in Harmonie mit seiner himmlischen Berufung, durch einen ununterbrochenen Wandel im Geist. Die Führung des Geistes wird nicht von allen erfahren, in denen der Geist wohnt; denn diese Führung hängt an der Bereitschaft, dorthin zu gehen, wohin er uns in seiner unendlichen Weisheit haben will.« — Lewis Sperry Chafer
Dieses Geführtwerden trägt zwei Dinge in sich: das Abgeben von Kontrolle und das Folgen. Genau diese beiden Konzepte sind der Fokus von Teil 8 und Teil 9.
Drittens: Er ist die Nähe selbst
Ist dir aufgefallen, dass jede dieser Rollen mit der unsichtbaren Welt verbunden ist? Da ist eine Kraft, die man nicht sehen kann. Eine Führung, die nicht hörbar ist, direkt vom Geist. Und seine dritte Rolle ist noch abstrakter: Sie hängt an seiner Gegenwart in uns.
Von Anfang an war Gott ein Gott der Beziehung. Sein innerstes Wesen, die Dreieinigkeit, ist Beziehung, schon bevor die Zeit begann (Johannes 1,1). Gott war ein Gott der Bündnisse, der Beziehungen. Er war ein Gott in Beziehung durch seine Gegenwart in der Bundeslade und im Tempel. Und jetzt, indem er in uns wohnt, tut er das Unfassbare. Engel wurden nie »Tempel Gottes« genannt. Ihnen wurden nie die Rechte und das Erbe der Adoption geschenkt. Engel wurden nie »Söhne« genannt. Aber Gott hat sich mit dir und mir vereint. Es ist eine Nähe, die unerhört ist, ein Geheimnis. Und doch ist genau sie das Fundament des Lebens, zu dem Jesus uns einlädt. Ein Leben, von dem wir selbst nie hätten träumen können. Aber Gott hat davon geträumt. Er hat einen Plan. Er wird seinen Namen durch uns heilig machen, mit dieser Vereinigung.
»Wisst ihr denn nicht, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott bekommen habt?« (1. Korinther 6,19).
Die zweite Ebene ist komplett
Damit ist die zweite Ebene der Pyramide gelegt, das Werk des Kreuzes. Alle drei Komponenten des Evangeliums fließen aus Gottes Plan, seinen Namen heilig zu machen, durch dich, vor ihren Augen. Alle drei sind eine offensive Antwort Gottes: Er zieht für dich und mich in den Kampf und macht uns frei. Jesus besiegt am Kreuz den Tod, die Sünde und den Feind.
Und alle drei sind Wirklichkeiten der unsichtbaren Welt: Unsere Reinigung kann man nicht sehen. Das Herz, das genommen, und das Herz, das gegeben wurde, kann man nicht sehen. Seine Kraft, seine Führung, seine Nähe: Nichts davon sieht das bloße Auge. Alle drei Aspekte des Evangeliums laden uns ins Unsichtbare ein. Und schließlich: Alle drei Teile des vollendeten Werks am Kreuz werden allein durch Glauben ergriffen. Wir können sie nicht nehmen, nicht verdienen, nicht eintauschen. Sie sind Geschenke.
Alles oberhalb dieser zweiten Ebene der Pyramide, alles in den kommenden Kapiteln, steht für das Leben, zu dem Jesus uns einlädt. Würde es dich überraschen, dass dieses Leben aus dem Evangelium von Jesus Christus und seinem Werk am Kreuz fließt? Dass es durch und durch evangeliums-zentriert ist? Ich liebe es, dass in der Pyramide die Ebene Kreuz/Evangelium genau zwischen Kontext und Leben sitzt. Wir sind freigekauft aus der Sklaverei, durch Tod und Auferstehung von Jesus. Dein altes Herz ist für tot erklärt, und dir wurde ein neues gegeben. Eine Zahlung, ein Lösegeld, eine Sühne, ein für alle Mal. Die Frucht davon ist meine Erlösung und meine Freiheit.
In den nächsten beiden Teilen schauen wir uns das Leben an, das Jesus uns anbietet. Ich habe die gewaltige Aufgabe, etwas zu beschreiben, das weit über meiner Gehaltsklasse liegt: ein Leben, das jenseits unserer Vorstellung liegt. Zum Glück ist das eine Aufgabe, die der Geist Gottes liebend gern übernimmt. Es beginnt mit Hingabe.
Die Bücher aus diesem Kapitel
- The Master Plan of Evangelism von Robert E. Coleman ist auf Deutsch als »Des Meisters Plan der Evangelisation« lieferbar (Neuauflage CLV 2022): CLV · Thalia · unabhängige Buchhandlung
- He That Is Spiritual von Lewis Sperry Chafer ist bisher nur auf Englisch erhältlich.

Hingabe
Hingabe kommt vor Nähe
Ich liebe die Bibelstellen, die mich daran erinnern, wo ich wegen Christus stehe:
»Wisst ihr denn nicht, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott bekommen habt? Ist euch nicht klar, dass ihr euch nicht selbst gehört? Denn Gott hat einen hohen Preis für euch bezahlt. Ehrt ihn also auch mit eurem Leib!« — 1. Korinther 6,19-20
»Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen! Denn du wurdest ‹als Opfer› geschlachtet. Und mit deinem vergossenen Blut hast du Menschen erkauft, Menschen aus allen Stämmen und Völkern, aus jeder Sprache und Kultur. Du hast sie freigekauft für unseren Gott.« — Offenbarung 5,9
Ich bin gekauft worden, und mein Leben gehört mir nicht mehr. Meine Seele wurde mit dem Blut des Lammes erkauft. Ich besitze mich nicht selbst. Das wurde in dem Moment wahr, in dem ich Christus vertraute. Es ist wahr an jedem Tag und den ganzen Tag lang, und es sagt mir, wie ich in die größere Geschichte gehöre.
Aus welchem Herzen lebst du?
Es gibt noch einen Aspekt dieses Lebens, der jeden Tag und den ganzen Tag gilt und der aus dem Kreuz und dem Evangelium fließt. Was würdest du erwarten, wie das Christenleben aussieht, wenn du zwei Herzen hättest: eines, das mit dem Feind verbunden war, und eines von Christus? Das erste Herz ist getötet und für tot erklärt worden. Das andere, unser neues Herz, kommt von Jesus und seiner Auferstehung. Aus seinem neuen Leben kommt unser neues Leben, über ein neues Herz. Und es gehört uns durch Glauben, nicht durch Gehorsam. Was Christus getan hat, um uns freizumachen, kann nur durch Glauben ergriffen werden. Dieser Glaube, dieser andauernde Blick, lädt uns zu etwas ein, das aussieht wie das Verlassen des einen, alten Herzens und das Ergreifen des neuen.
Ich war ein Kind Gottes, aber ich lebte immer noch aus meinem alten Herzen. Es war das einzige Herz, aus dem zu leben ich wusste. Wenn ich versuchte, Jesus zu folgen, tat ich es mit der Energie meines alten Herzens. Ich kann mich an keine Bibelstunden zu diesem Thema erinnern. Keine Predigten, soweit ich weiß. Wer bringt neuen Gläubigen diese Dinge bei? Erst als ich älter wurde, wurden die Autoren, die ich in dieser Serie zitiere, zu den wichtigsten Stimmen, die zu mir darüber sprachen.
Das Leben, zu dem Jesus einlädt, spiegelt die Bewegung vom alten zum neuen Herzen. Das passt zu allem, was wir über den Weg wissen: Gläubige reden seit Ewigkeiten vom Sterben an sich selbst. Diese Verwandlung ist eine Bewegung vom Tod zum Leben, von der Finsternis zum Licht. Dieses Leben besteht darin, dem alten Herzen zu sterben und aus dem neuen zu leben. Genau das bezeugt die Bibel:
»Wenn jemand mein Jünger sein will, dann muss er sich selbst verleugnen, er muss täglich sein Kreuz aufnehmen und mir folgen.« — Lukas 9,23
»Auch ihr sollt davon ausgehen, dass ihr für die Sünde tot seid, aber in ‹Verbindung mit› Jesus Christus für Gott lebt.« — Römer 6,11
»Ihr sollt euer altes Ich ablegen, das seinen betrügerischen Begierden folgt und sich zugrunde richtet, euch im Geist eures Denkens erneuern lassen und das neue Ich anziehen, das nach Gottes Bild geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.« — nach Epheser 4,22-24
Achte auf die Sprache: Jesus fordert uns auf zu wählen und zu glauben. Er ruft uns, unser altes Herz für tot zu halten. Er sagt nicht, wir sollen unser altes Herz töten; das hat Christus schon getan. Er sagt: Glaube, dass das, was Jesus für dich getan hat, wahr ist.
Das neue Herz anziehen wie Kleidung
Und dann weist er uns an, unser neues Herz anzuziehen, so wie wir morgens Kleidung anziehen. Jeden Morgen wachen wir auf und ziehen uns an. Unsere Kleidung erscheint nicht plötzlich von selbst am Körper: Wir müssen wählen, was wir tragen, und es dann anziehen. Wähle das Hemd, wähle das Herz, aus dem du heute leben wirst. Der einzige Unterschied: Dieses neue Herz wirst du wieder und wieder anziehen müssen, den ganzen Tag, jeden Tag.
Nichts davon geschieht einfach so. Wir werden nicht dorthin schweben. Wir treiben nicht hinein. Dieser Übergang braucht einen Willensakt: täglich unser Kreuz aufnehmen, uns selbst verleugnen, ihm folgen. Genau das versuchen Gläubige seit zweitausend Jahren. Und es gibt Gründe, warum es so ein Ringen ist: Wir lernen etwas Neues. Wir haben es noch nie getan.
»Das christliche Ideal wurde nicht ausprobiert und für untauglich befunden. Es wurde für schwierig befunden und gar nicht erst versucht.« — G.K. Chesterton
Wenn das Christenleben, das du lebst, nicht schwierig ist und keinen radikal neuen Duft hat: Bleib hungrig und such weiter.
Was die Heiligen Hingabe nannten
Ich nehme an, das ist nicht das erste Mal, dass du davon hörst. Die Heiligen früherer Zeiten sprachen davon als dem Anker, der Säule des Christenlebens. Wenn sie über dieses Ablegen und Anziehen des neuen Herzens redeten, benutzten sie Worte wie Hingabe, Übergabe, Ausgeliefertsein, Sterben an sich selbst. Andrew Murray schreibt:
»Jesus hat sich selbst erniedrigt bis zum Tod und hat den Weg geöffnet, auf dem auch wir gehen müssen. […] Wie kann ich mir selbst sterben? Der Tod des Ich ist nicht dein Werk, es ist Gottes Werk. Demütige dich vor Gott in deiner völligen Hilflosigkeit; stimme von Herzen der Tatsache zu, dass du weder die Kraft hast, dich selbst zu töten, noch dich lebendig zu machen. Sinke hinab in deine eigene Nichtigkeit, im Geist sanftmütiger, geduldiger, vertrauensvoller Übergabe an Gott. Gepriesen sei Gott: Das Werk ist getan, vollendet und für immer vollkommen. Der Tod von Jesus, ein für alle Mal, ist unser Tod des Ich. Gläubiger, beanspruche im Glauben den Tod und das Leben von Jesus als deins. Senke dich jeden Morgen in tiefe, tiefe Nichtigkeit in das Grab von Jesus hinab.« — Andrew Murray, Demut
Und Tozer beschreibt die »seligen Armen«:
»Die Gesegneten, die das Reich besitzen, sind die, die jedes äußere Ding zurückgewiesen und jeden Sinn des Besitzens aus ihrem Herzen gerissen haben. Diese seligen Armen sind nicht länger Sklaven der Tyrannei der Dinge. Sie haben das Joch des Unterdrückers zerbrochen, und das nicht durch Kämpfen, sondern durch Übergeben.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Abraham am Testplatz
Tozer erzählt weiter von Abraham und Isaak: wie Abraham Isaak so sehr liebte, dass die Beziehung zu seinem Sohn zwischen ihn und seine Beziehung zu Gott geriet. Gott, eifersüchtig um Abrahams Zuneigung, bat ihn, Isaak, seinen einzigen Sohn, dem Herrn zu opfern. Gott ließ den leidenden alten Mann bis zu dem Punkt gehen, an dem er wusste, dass es kein Zurück mehr gab, und verbot ihm dann, Hand an den Jungen zu legen. Dem staunenden Patriarchen sagt er nun sinngemäß:
»Es ist gut, Abraham. Ich hatte nie vor, dass du den Jungen wirklich opferst. Ich wollte ihn nur aus dem Tempel deines Herzens entfernen, damit ich dort unangefochten regieren kann. Ich wollte die Verzerrung in deiner Liebe korrigieren. Jetzt darfst du den Jungen haben, gesund und wohlbehalten. Nimm ihn und geh zurück zu deinem Zelt. Jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Jetzt war er ein Mann völliger Übergabe, ein Mann völligen Gehorsams, ein Mann, der nichts besaß. Und doch: War dieser arme Mann nicht reich? Alles, was er vorher besessen hatte, durfte er weiter genießen. Da ist das geistliche Geheimnis, die süße Theologie des Herzens, die nur in der Schule des Verzichts gelernt wird. Tozer schließt:
»Wenn wir Gott wirklich in wachsender Vertrautheit kennen wollen, müssen wir diesen Weg des Verzichts gehen. Und wenn wir auf die Suche nach Gott gesetzt sind, wird er uns früher oder später an diesen Testplatz bringen. So werden wir einer nach dem anderen an den Prüfungsort gebracht, und wir wissen vielleicht nicht einmal, wann wir dort sind. An diesem Prüfungsort gibt es kein Dutzend möglicher Optionen; nur eine und eine Alternative. Aber unsere ganze Zukunft wird von der Wahl abhängen, die wir treffen.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Wir spüren das Ringen, das in Abrahams Herz getobt haben muss. Es ist dasselbe Ringen, das in unseren Herzen tobt, wenn wir die Stimme Gottes hören, die uns drängt, die Dinge, die wir am meisten lieben, auf den Altar zu legen und ihm anzubieten. Der Schmerz des Sterbens an uns selbst, Gott an die erste Stelle zu setzen und die billigen Götzen loszulassen, an denen wir hängen.
Jesus lädt uns ein zur Übergabe: loszulassen und in ein Leben einzutreten, das wir uns nicht ausmalen können. Manchmal ist das, was wir zurücklassen müssen, sogar unser Traum. Um dem Gott zu folgen, der uns zum Leben einlädt, müssen wir vielleicht unsere Träume sterben lassen, um neue geschenkt zu bekommen, die noch besser sind.
Marias offene Hände
Maria, die Mutter von Jesus, ist ein Bild dafür. Sie ist mit Josef verlobt, und das Leben könnte nicht besser sein. Dann kommt der Engel. Er sagt ihr, dass sie ein Baby bekommen wird, den Sohn Gottes. Das wird ihre Welt auf den Kopf stellen. Es könnte ihre Ehe beenden. Und was ist mit ihren Träumen? Aber hör dir ihre Antwort mit offenen Händen an: »Ich gehöre ganz dem Herrn. Was du gesagt hast, soll mit mir geschehen« (Lukas 1,38). Glaubst du, das war das Leben, das Maria sich ausgemalt hatte? Nein. Aber es wurde ein Leben jenseits ihrer kühnsten Träume.
Wie ist das: sich selbst zu sterben, alles aufzugeben? Wie ist das, unser Leben zu übergeben und Diener, ja Sklaven eines anderen zu werden, Gottes? Lohnt es sich? Jean-Pierre de Caussade, im frühen 18. Jahrhundert geistlicher Begleiter der Schwestern von der Heimsuchung in Nancy, schreibt in The Sacrament of the Present Moment direkt in dein neues Herz:
»Sie übergeben sich selbst Gott, um nichts zu haben als ihn, von ihm und durch ihn. Und so wird Gott die Quelle des Lebens für diese Seelen. […] Das sichere und feste Fundament unseres geistlichen Lebens ist, uns Gott zu geben und uns ganz in seine Hände zu legen, mit Leib und Seele. Uns selbst völlig zu vergessen, sodass er unsere ganze Freude wird und sein Wohlgefallen, seine Ehre, sein Sein unser einziges Gut. […] Diese Übergabe, in jedem Moment geübt, umfasst jede Art von Tugend und Vortrefflichkeit. Es steht uns nicht zu zu bestimmen, welche Art von Unterwerfung wir Gott schulden; uns steht nur zu, uns demütig zu beugen und bereit zu sein, alles anzunehmen, was uns begegnet.« — Jean-Pierre de Caussade, The Sacrament of the Present Moment
De Caussade lädt uns zu einem Loslassen und Sterben ein, das andauernd ist, den ganzen Tag. Es ist ein Abgeben von Kontrolle, das Gott souverän unsere Umstände ordnen sieht. Gott verursacht das Böse nicht; aber weil er die Kontrolle hat, kommt letztlich alles, Gutes wie Schweres, aus seiner Hand. Für diese Art Hingabe benutzten die Heiligen das Bild vom Leben in Empfangsbereitschaft. Das Gegenteil ist das Streben: das ständige Arbeiten daran, die Kontrolle zu behalten, das Verwalten des Wahnsinns unseres Lebens in einer kaputten Welt.
Der Quäker Thomas Kelly schreibt:
»Das Kreuz als Dogma ist schmerzfreie Spekulation; das Kreuz als gelebtes Leiden ist Qual und Herrlichkeit. Doch Gott hat, nach dem Muster seines eigenen Herzens, das Kreuz am Weg des heiligen Gehorsams aufgepflanzt. […] Ich wage nicht, dich zu deinem Kreuz zu drängen. Aber er, viel mächtiger, spricht in dir und mir, zu unserem wahrsten Selbst in unseren wahrsten Momenten. Durch innere Überzeugung zieht er uns zu wenigen, sehr bestimmten Aufgaben, unseren Aufgaben. Dann sehen wir, dass nichts zählt und dass alles zählt, und dass diese meine Aufgabe zählt, für mich, für meine Mitmenschen und für die Ewigkeit.« — Thomas R. Kelly, A Testament of Devotion
Ich will ein heroisches Leben leben. Mein neues Herz will die Art Leben leben, von der De Caussade und Kelly reden. Wie Paulus will ich »seine Leiden mit ihm teilen und seinen Tod mit ihm sterben« (Philipper 3,10). Der einzige Weg zum Leben, zu dem, wozu Gott uns einlädt, ist der Tod.
»Er, der in Gottes Gestalt war, hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern machte sich selbst zu nichts und nahm die Gestalt eines Dieners an. Er wurde den Menschen gleich, erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.« — nach Philipper 2,6-8
»Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir folgt, ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, wird es verlieren; und wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.« — nach Matthäus 10,37-39
Der Duft des Todes, der nach Leben roch
Das ist der Weg, den Jesus ging. Und alle Heiligen, die ihm je gefolgt sind. Es ist auch der Weg, den mein Young-Life-Leiter nahm. Seine Entscheidung, diesen Weg zu gehen und sich selbst zu sterben, ist der Grund, warum sich mein Leben im letzten Schuljahr veränderte. Ich hatte Christus schon Jahre vorher vertraut, aber ich hatte keine Ahnung, was eine Beziehung mit Jesus bedeutet. Meine Schwester ging zu Young Life, aber ich hasste es: Alle Leute, mit denen ich am Wochenende trank, gingen dorthin, und alles, was ich sah, war eine hässliche, heuchlerische Jugendgruppe.
In diesem letzten Schuljahr lernte ich Stan Eastin kennen. Stan hatte einen babyblauen Van mit Flokati-Teppich. Er trug einen Jesus-Bart und diese klobigen Lederwanderstiefel zu hochgekrempelten Wrangler-Jeans. Er war so cool. Später fand ich heraus, dass er sich drei Jungs ausgesucht hatte, für die er jeden Tag betete, und ich war einer von den dreien.
Dann kam dieser Club-Abend. Ich saß mit 150 anderen Jugendlichen auf dem Boden. Ein wichtiges Detail: Stan war introvertiert. Genau das mochte ich an ihm. An diesem Abend sollte er die ersten Lieder anleiten: schnelle Songs, fröhlich und herrlich uncool. Und da stand Stan vorne, lächelte, klatschte, sang. Er schwitzte, obwohl es nicht heiß war. Er war nervös, weit draußen aus seiner Komfortzone, und er hasste es. Ob er es bewusst wusste oder wählte: Er starb gerade, er starb sich selbst. Ich kann nicht erklären, was dann passierte, aber etwas in meinem Kopf stellte die Frage: »Warum tut er das? Warum tut er, was er offensichtlich nicht mag?« Keine hörbare Stimme antwortete, aber der geflüsterte Gedanke kam zurück: »Wegen dir.«
Von diesem Moment an hatte Stan Eastin mich. Und Jesus hatte mich auch. Mein Leben war nie wieder dasselbe. Ich roch in dieser Nacht den Tod von Jesus. Es war der Duft des Lebens, und er lag überall auf Stan. Seitdem zieht mich dieses Aroma des Todes an, der Geruch von Jesus.
Sterben an sich selbst ist, wie sich Hingabe aus unserer Perspektive anfühlt; Übergabe ist, wie sie sich anfühlt, wenn wir vor Gott stehen. Und Hingabe kommt vor Nähe: Deshalb liegt dieser Stein vor dem letzten. Im letzten Teil geht es um die Spitze der Pyramide: Nachfolge, und die Person, der wir folgen.

Die Bücher aus diesem Kapitel
- The Pursuit of God von A.W. Tozer gibt es auf Deutsch als »Gottes Nähe suchen«: SCM-Shop · Amazon · Thalia
- Humility von Andrew Murray gibt es auf Deutsch als »Demut«: Amazon · Thalia
- The Sacrament of the Present Moment von Jean-Pierre de Caussade und A Testament of Devotion von Thomas R. Kelly sind auf Deutsch nur schwer bzw. antiquarisch erhältlich.

Nachfolge
Die Spitze der Pyramide
Die dritte Ebene unserer Pyramide hat zwei Steine, die zusammen für das Leben stehen, zu dem Jesus einlädt. Den ersten, die Hingabe, haben wir im letzten Teil gelegt: Sterben an sich selbst ist, wie sich Hingabe aus unserer Sicht anfühlt; Übergabe ist, wie sie sich vor Gott anfühlt. Das Wort Hingabe trägt aber noch etwas in sich: die Idee, wehrlos zu werden. Und genau da beginnt der zweite Stein.
Josua vor Jericho
Schau dir an, wie Gott Josua führt. Vierzig Jahre lang, durch die ganze Wüstenwanderung, hat Josua sich darauf vorbereitet, das verheißene Land einzunehmen. Als er mit dem Volk am Jordan ankommt, arbeitet er an einem Plan für die Überquerung. Aber Gott liefert seinen eigenen: Gott zieht mit der Bundeslade vor dem Volk her, und wie damals am Roten Meer türmt sich das Wasser auf, und sie ziehen trockenen Fußes hindurch. Ich bin sicher, das lief exakt so, wie Josua es geplant hatte. Nein! Es war jenseits seiner kühnsten Träume. Und drüben angekommen, lässt Gott Josua erst einmal seine gesamte kampffähige Armee außer Gefecht setzen: mitten im Feindesland, verwundbar, ohne Fluchtweg. Kein Feldherr der Welt beginnt so einen Feldzug. Aber Gott sorgt sich nicht um Wehrlosigkeit im Feindesland; er denkt an Herzen.
Als sie Jericho erreichen, kannst du dir denken, wie es in Josua arbeitet. Er kann es kaum erwarten, seine ganze militärische Ausbildung einzusetzen, sich vor ganz Israel als exzellenter Anführer zu beweisen, endlich den Plan zu benutzen, den er seit Jahren in der Schublade hat. Aber Gott schickt einen Engel. Und der Engel sagt: Marschiert sieben Tage um die Stadt und blast Hörner. Stell dir vor, was Josua gedacht haben muss: »Das kann nicht dein Ernst sein. Das ist demütigend. Niemand erobert so eine Stadt. Was werden die Leute denken? Die anderen Völker? Vertraue ich Gott oder meinem eigenen Plan und meinen Fähigkeiten?«
Gott führt Josua, und indem er das tut, baut er Josuas Herz. Gottes Name wird heilig gemacht, durch Josua, vor aller Augen: vor Josuas eigenen Augen, vor den Augen der Nation Israel, vor den Augen aller Völker rund um Jericho, und sogar vor den Augen von Engeln und Dämonen. Da ist Nähe, da ist Kraft, und da ist Führung.
Was heißt eigentlich »folgen«?
Wenn Jesus seine Jünger beruft, hat er eine Standard-Einladung: »Kommt, folgt mir! Ich werde euch zu Menschenfischern machen« (Matthäus 4,19). Sein Ruf an Levi klingt genauso: »Später, als Jesus die Stadt verließ, sah er einen Zolleinnehmer am Zollhaus sitzen. Er hieß Levi. Jesus sagte zu ihm: ›Komm, folge mir!‹ Da ließ Levi alles zurück. Er stand auf und folgte Jesus« (Lukas 5,27-28). »Folge mir« war der Standardruf in die Jüngerschaft. Und beachte: Die Jünger verließen ihre Arbeit, ihre Häuser, ihre Familien. Bevor sie folgen konnten, brauchte es ein Stück Hingabe. Sie mussten ihr Leben verlieren. Deshalb bewegt sich die Pyramide, wie fast überall, von links nach rechts: Der erste Stein führt in den zweiten hinein und ermöglicht ihn. Der Tod kommt vor dem Leben.
Was also heißt folgen? In der Bibel wird das Wort auf zwei Arten gebraucht. Erstens: Ein Nachfolger ist jemand, der sich an die Lehre eines Rabbis oder Meisters hält. Im Alten Testament warst du ein Nachfolger Gottes, wenn du das Gesetz hieltest, den Sabbat, die Lehren Gottes. Das ist der kleinere Aspekt des Wortes. Er entspricht dem Glauben der Pharisäer, und traurigerweise ist er bis heute der Standard dafür, wie die meisten Menschen Nachfolge verstehen.
Der größere Aspekt kommt vom Konzept des Geführtwerdens. Gott führt Abraham aus seiner Heimat in ein neues Land. Er führt Josef nach Ägypten. Er führt Mose vor den Pharao. Er führt die Nation Israel durchs Rote Meer: »Jahwe zog vor ihnen her, um ihnen den Weg zu zeigen. Tagsüber führte er sie in einer Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht weiterziehen. Tagsüber sahen sie die Wolkensäule vor sich, nachts die Feuersäule« (2. Mose 13,21-22).
Das Experiment: Folge mir durch den Raum
Wenn ich das lehre, bitte ich meistens eine Person (nennen wir ihn Jonas), mir durch den Raum zu folgen. Die Antwort ist immer ein verdutztes »Klar«. Natürlich kann er das. Genauso konnten die Jünger dem gehenden, atmenden Jesus in der sichtbaren Welt buchstäblich hinterherlaufen. Aber nachdem Jesus stirbt, aufersteht und in die unsichtbare Welt zum Himmel geht: Was heißt es dann, ihm zu folgen? Um mein Experiment so nah wie möglich an die christliche Erfahrung zu bringen, sage ich Jonas: Ich werde nicht mit dir sprechen, dich nicht berühren, nicht an dir ziehen. Glaubst du, Jonas kann mir jetzt noch folgen? Genau das ist die Frage: Wie folgen wir?
Bleiben wir im Bild. Was, wenn ich Jonas einen Brief schreibe (die Bibel), ihm mein Herz zeige und wohin ich gehe? Und was, wenn er diesen Brief als Landkarte liest (das Gesetz), als Wegbeschreibung (Regeln)? Genau das haben manche von uns mit der Bibel gemacht. Das Problem an diesem Ansatz: Die Landkarte gibt Jonas jetzt die Option, mich zu verlassen, allein vorauszugehen und mich irgendwo zu treffen. Die Karte ist ins Zentrum der Beziehung gerückt, und sie gibt Jonas die Option der Kontrolle. Es ist die Option des Nachfolgers, der sich an etwas hält, statt geführt zu werden.
Es ist die Option, die die Nation Israel am Fuß des Sinai wählte, als sie aus Ägypten kam: Statt weiter auf den verrückten Flügeln Gottes zu reiten, wollten sie Regeln. Und Gott gab ihnen das Gesetz. Dabei war die Schrift als Spiegelbild von Gottes Herz gedacht, das uns zu ihm zieht: nicht als Landkarte, nicht als Regelwerk, das wir nie halten können und das der Feind benutzt, um uns wegzuziehen. Die Landkarte ist nicht das Angebot, mit dem Jesus kam. Er kam nicht auf diese Erde, um ein neues Regelwerk zu liefern. Die Karte ist eine Option, die wir uns selbst geschaffen haben, weil sie leichter aussieht und dem Fleisch schmeichelt.
Welche Option würdest du wählen: dich an etwas halten oder geführt werden? Dein altes Herz wählt die Landkarte. Dein neues Herz wählt das Geführtwerden. Und jetzt weißt du, warum du diese Spannung spürst.
Und nun der letzte Schritt im Experiment: Was, wenn ich (Jesus) etwas radikal Neues täte, jenseits von allem Vorstellbaren? Was, wenn ich mich entschiede, in dir zu wohnen? Wenn mein Geist in dir wäre, dich stärkt und führt: Glaubst du, du könntest mir dann folgen? Du könntest. Aber es wäre eine völlig andere, ganz neue Erfahrung. Das Leben, zu dem Gott einlädt, fließt aus dem Evangelium herauf, und das Wohnen Gottes in uns verändert alles.
Gemacht, um geführt zu werden
Chafer schreibt:
»Von all den zahllosen Wegen, auf denen wir gehen könnten, kennt er allein den besten. Er allein hat die Macht, unsere Füße auf diesen Weg zu stellen und sie dort zu halten. Wahrlich dreifach gesegnet ist das Leben, das lernt, sich dem Willen Gottes zu überlassen. Nichts könnte fehlgeleiteter sein als ein selbstgesteuertes Leben. Gott hat in unserer Erschaffung absichtlich jede Fähigkeit zur Selbststeuerung weggelassen. Eine der Folgen des Sündenfalls ist die Unabhängigkeit des menschlichen Willens gegenüber Gott; doch der Mensch ist am geistlichsten und dem Entwurf seines Schöpfers am ähnlichsten, wenn er sich dem göttlichen Willen am meisten überlässt.« — Lewis Sperry Chafer
»Ich weiß, Jahwe: Der Mensch hat sein Schicksal nicht in der Hand, keiner bestimmt selbst, wohin sein Lebensweg führt« (Jeremia 10,23). Es gibt nichts in uns, das dafür entworfen wurde, uns selbst zu steuern. Wir waren immer dafür gemacht, abhängig zu sein, geführt zu werden. Unsere alten Herzen wollen an sich reißen, was Gott gehört. Genau deshalb gelten die, die im Fleisch wandeln, als verloren und ohne Richtung. De Caussade beschreibt es so:
»Wenn man von einem Führer geleitet wird, der einen durch unbekanntes Land bringt, ohne seine Absichten zu nennen: Was bleibt einem, als sich ihm zu überlassen? Was nützt es, ständig nachzusehen, wo man ist, Passanten zu fragen, die Karte und andere Reisende zu befragen? All das würde die Absicht unseres Führers vereiteln, der volles Vertrauen verlangt. Wären wir sicher, dass er uns in die richtige Richtung führt, wäre es weder Glaube noch Hingabe.« — Jean-Pierre de Caussade, The Sacrament of the Present Moment
Geführtwerden ist eindeutig der größere Teil der Nachfolge. Es ist beziehungsorientiert. Es verlangt mehr Glauben, und genau der gefällt Gott. Als Jesus die Jünger rief und sie alles verließen: Wie, glaubst du, haben sie das Wort verstanden? Als Sich-an-etwas-Halten oder als Geführtwerden? Etwa dreißig Jahre später, als Petrus in Rom kopfüber an einem Kreuz hängt und als Märtyrer stirbt, war das kein Regelwerk. Das war ein Leben, das geführt wurde, bis zuletzt.
»Der Wächter öffnet ihm das Tor, und die Schafe hören auf seine Stimme. Er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus. […] Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.« — nach Johannes 10,2-4.27
Die Frage, die alles praktisch macht
In George MacDonalds Roman ringt der Pfarrer Wingfold mit der Möglichkeit, dass er noch nie etwas auf das Reden des Geistes hin getan hat: »Habe ich heute ein einziges Ding getan, das er mir gesagt hat? Wann habe ich zuletzt etwas getan, das ich von ihm gehört habe?« Unter dieser Passage liegt eine Annahme: Gott kommuniziert mit uns. Und daraus ist die Frage geworden, die ich die Nachfolge-Frage nenne:
Was hast du heute Jesus zu dir sagen hören, und hast du es getan?
Diese Frage baut auf den zwei Grundfunktionen der Nachfolge auf: Wahrnehmung und Antwort. Sie holt die Nachfolge aus den abstrakten Wolken des intellektuellen Denkens in die praktische Welt der Wirklichkeit.
Ich bin im Bible Belt aufgewachsen und hatte die Antwort-Komponente gemeistert, lange bevor ich wusste, dass es die Wahrnehmungs-Komponente überhaupt gibt. Damals verstand ich unter Antwort: Gehorsam. Und meine Wahrnehmung war verbogen, weil ich dachte, Gott habe bereits durch die Bibel gesprochen und rede deshalb nicht mehr. Wahrnehmung hieß für mich: die Bibel kennen. Nachfolge hieß schlicht: biblisch sein. Ich hatte das Hören auf eine Person und das Geführtwerden durch eine Person eingetauscht gegen das Lesen und Studieren eines Textes. Versteh mich nicht falsch: Ich bin zutiefst dankbar für das Fundament, das mir biblisches Wissen gegeben hat. Ich wünschte nur, ich hätte es anders halten können. Ich brauchte Balance. Und ich brauchte jemanden, der sie mir vorlebt. Aus meiner eigenen Erfahrung gesprochen: Dieser Tausch beraubte mich der Kraft, der Führung und der Nähe, und mein Leben war zeitweise mehr mit dem Einhalten verbunden als mit dem Folgen.
Aufmerksamkeit trainieren
Wie sieht diese Aufmerksamkeit im echten Leben aus, Tag für Tag? Tozer fragt, warum manche Menschen Gott erfahren wie andere nicht:
»Ich wage die Vermutung, dass die eine entscheidende Eigenschaft, die sie gemeinsam hatten, geistliche Empfänglichkeit war. Etwas in ihnen war offen zum Himmel hin. Sie unterschieden sich vom Durchschnitt darin, dass sie etwas taten, wenn sie die innere Sehnsucht spürten. Sie erwarben die lebenslange Gewohnheit der geistlichen Antwort.« — A.W. Tozer, The Pursuit of God
Es gibt Teile unserer Seele, die aufwachen, wenn wir in Stille sitzen oder gehen, angestrengt schauen und lauschen. Es sind dieselben Muskeln, mit denen wir im Unsichtbaren nach Jesus suchen. Eines Tages, beim Warten auf den Ölwechsel, griff ich nach einem Jagdmagazin und las eine Geschichte über Jim Corbett, den größten Tigerjäger seiner Zeit, und seine Erlebnisse in Indien Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich kaufte mir prompt mehrere seiner Bücher: Ich wollte diesem Mann jede Fähigkeit der Aufmerksamkeit und Beobachtung stehlen, die er hatte. Ich will Jesus mit derselben Intensität jagen, mit der man Tiger jagt. Also: Zieh dein Tarnzeug an und erzähl mir, wie oft du Jesus heute gesehen hast. Welche Übungen trainierst du diese Woche, um besser darin zu werden, bei Jesus zu sein? Echte Fragen für ein echtes Leben des Geführtwerdens.
Und noch ein Bild aus dem Sport. Jeder Athlet lernt vom ersten Training an die Grundstellung: Füße schulterbreit, Knie gebeugt, Gewicht auf den Fußballen, Blick nach oben, Hände bereit. Diese Position ist Standard für jeden Spieler in jeder Sportart. Sie ist eine Haltung der Aufmerksamkeit: Sie bereitet auf Wahrnehmung und Antwort vor. Wie sieht diese Grundstellung im Glauben aus? Fest stehen heißt: gegründet in der Wahrheit seiner Gegenwart. Gebeugte Knie: bereit zu antworten. Auf den Fußballen: nicht zurücklehnen, absichtsvoll bleiben, verbunden, betend. Blick nach oben: den Kopf im Spiel haben, nach seinen Zeichen und Hinweisen suchen. Hände bereit: vorbereitet, etwas zu tun. Wahrnehmung und Antwort. Die Bibel zeichnet genau dieses Bild, wenn sie uns in Epheser 6 auffordert: seid stark, zieht an, nehmt Stellung, haltet stand, steht fest, seid bereit, ergreift, nehmt, betet, bei jeder Gelegenheit, seid wachsam, hört nicht auf. Das ist das biblische Bild der beständigen, andauernden Haltung. Das Schwierige ist, diese Position auch gegen Ende des Spiels zu halten: Erschöpfung raubt uns die Haltung. Wir bewahren sie durch langes, hartes Training, ausbalanciert mit Sabbaten und echter Ruhe.
Noch eine Pyramide (ja, noch eine!), diesmal für meine eigene Erfahrung der Aufmerksamkeit. Die Basis, die größte Fläche, ist mein Alltag: so gefangen in der sichtbaren Welt, dass ich für die beständige Gegenwart von Christus blind bin. Dahin drifte ich jedes Mal, wenn ich nicht absichtsvoll lebe. Die zweite Ebene: Momente, in denen ich im Rückblick erkenne: »Oh, das warst du da hinten, Jesus. Jetzt sehe ich es.« Eine Erfahrung von Jesus in der Vergangenheit, nicht im gegenwärtigen Moment. Die dritte, noch seltener: Jesus ist direkt neben mir. Wir sind zusammen unterwegs, ich brauche ihn und spüre seine Gegenwart. Das ist wunderbar, und trotzdem wäre es zu wenig, sich hier niederzulassen. Denn die Spitze ist das Ziel: die kurzen Momente, in denen wir zu Tode erschrocken festhalten und Jesus vor uns herzufliegen scheint. Wir sind in den Sog seiner Führung geraten, völlig außer Kontrolle, klammern uns fest, und er tut die ganze Arbeit. Wenn der Adrenalinrausch vorbei ist, ertappen wir uns bei dem Satz: »Nie wieder!« Unser altes Herz klammert sich an Kontrolle. Aber es ist genau das, wonach sich unser neues Herz und unsere Seele sehnen.
Die Spitze: Der, der es vorgelebt hat
Wir haben die Spitze der Pyramide erreicht. Das ist es: Leben jenseits deiner kühnsten Träume. Und du würdest denken: Wenn Gott uns zu diesem Leben einlädt, müsste es doch jemanden geben, der es uns vorgelebt hat. Mose vielleicht, oder einer der Propheten? König David, der Mann nach Gottes Herzen? Einer der Jünger: Petrus, Jakobus, Johannes? Vielleicht Paulus? Jesus antwortet selbst: »Ich bin der Weg! Ich bin die Wahrheit und das Leben!« (Johannes 14,6). Jesus beansprucht, das Leben zu sein. Er, wenn irgendjemand, hat es gelebt. Und er hat uns eingeladen, ihm zu folgen: dasselbe Leben zu leben wie er.
Aber da war schon immer ein Problem: ich. Mein altes Herz. Die synoptischen Evangelien erzählen uns aus Augenzeugenberichten, was Jesus tat, und irgendwie sollen wir dieses unglaubliche Leben nachahmen. Hast du in letzter Zeit jemanden von den Toten auferweckt? Diese Woche schon Dämonen ausgetrieben? Ich auch nicht. Wenn ich also die Synoptiker lese und die Einladung höre, das Leben von Jesus zu leben, klafft da eine RIESIGE Lücke. Jesus war Gott, und ich bin es nicht. Er hat geschummelt, oder? Vor diesem Dilemma bleiben zwei Wege: Entweder wir tun, was die christliche Kultur getan hat, nämlich die Messlatte senken. Oder wir denken anders.
Darf ich dir den Propheten vorstellen? Johannes war der letzte lebende Jünger; er schrieb sein Evangelium um 85 bis 95 n. Chr. Und er fragt gewissermaßen: Was fehlt in der Geschichte? Was haben wir noch nicht erzählt? Die Synoptiker sagen uns, wer, was und wo. Johannes erzählt uns das Wie. Er zeigt uns, wie Jesus es gemacht hat.
Johannes ist glasklar, was die Gottheit von Jesus angeht: »Im Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott, ja, das Wort war Gott. […] Er, das Wort, wurde Mensch und wohnte unter uns« (Johannes 1,1.14). Und in Johannes 8 sagt Jesus den Pharisäern: »Ehe Abraham wurde, BIN ICH«: der Name Gottes aus dem brennenden Dornbusch, der Seiende, der Präexistente. Die Juden verstanden genau, was er beanspruchte, und wollten ihn dafür töten.
Aber Johannes zeigt genauso beharrlich die Menschheit von Jesus, und zwar über einen Titel, den nur er so betont: der Prophet. Schon in Kapitel 1 wird Johannes der Täufer gefragt: »Bist du der Christus? Bist du Elija? Bist du der Prophet?« Wo kommt dieser Prophet her? Aus 5. Mose 18, und Mose sagt es dort zweimal: »Einen Propheten wird Jahwe, dein Gott, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, für dich erstehen lassen so wie mich. Auf ihn sollt ihr hören« (5. Mose 18,15.18). Das eine bestimmende Merkmal des Propheten: Er wird Mensch sein, einer aus den Brüdern. Jesus selbst bestätigt: »Denkt nicht, dass ich euch beim Vater anklagen werde. Mose wird das tun, der Mose, auf den ihr eure Hoffnung setzt. Denn wenn ihr Mose wirklich geglaubt hättet, würdet ihr auch mir glauben, denn er hat ja von mir geschrieben« (Johannes 5,45-46). Und nach der Brotvermehrung ruft das Volk: »Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll« (Johannes 6,14).
Wie er es gemacht hat
Wie war er beides, Gott und Mensch? Die Theologie hilft uns mit Philipper 2, der Selbstentäußerung: »Er, der in Gottes Gestalt war, hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern machte sich selbst zu nichts und nahm die Gestalt eines Dieners an.« Johannes erklärt die Details dieses Geheimnisses nicht. Was er stattdessen tut: Er zeigt uns das Leben, das Jesus lebte, und wie er es lebte.
»Denn er wurde von Gott gesandt und verkündigt Gottes eigene Worte, weil Gott ihm den Geist ohne jede Einschränkung gegeben hat« (Johannes 3,34). In allem, was er tut, wird Jesus vom Vater geführt und mit Kraft ausgestattet. Halt einen Moment inne und denk nach: Als Jesus in Lukas 7 den Sohn der Witwe von Nain auferweckt, wie hat er das gemacht? Hat er, weil er Gott ist, einfach aus eigener Initiative und eigener Kraft gesprochen, und der Junge stand auf? Weil er es wollte und konnte? Oder geschah es, weil der Vater Mitgefühl mit einer Frau hatte, die ihren einzigen Sohn verloren hatte, und weil dieses Mitgefühl in und durch Jesus in Bewegung geriet? Dann führte der Vater ihn, gab ihm die Kraft und wirkte das Wunder durch Jesus.
Hör, wie Jesus selbst es sagt:
»Ich versichere euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun; er tut nur, was er den Vater tun sieht.« — Johannes 5,19
»Ich kann nichts von mir aus tun; selbst dann, wenn ich richte, höre ich auf den Vater. Und mein Gericht ist gerecht, weil es nicht meinem eigenen Willen entspricht, sondern dem meines Vaters, der mich gesandt hat.« — Johannes 5,30
»Denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um das zu tun, was ich will, sondern das, was der will, der mich beauftragt hat.« — Johannes 6,38
»Meine Lehre stammt nicht von mir. Ich habe sie von dem, der mich gesandt hat.« — Johannes 7,16
Konnte Jesus, der Gott aller Schöpfung, keine eigene Lehre haben? Doch, natürlich. Aber nicht, solange er die demütige Rolle des Propheten hier auf der Erde spielte. Etwas musste weichen. Also gab Jesus das Recht auf seine eigene Lehre auf, entäußerte sich, ohne irgendetwas von seiner Gottheit aufzugeben. Und er tat es, damit er uns in die Augen schauen und sagen konnte: Folge mir. Er lebte als vollkommen abhängiger Mensch: geführt vom Vater, bevollmächtigt vom Geist, gesandt. Genau das Leben, zu dem er uns einlädt. Murray bringt es auf den Punkt:
»Die Beziehung des Geschöpfs zu Gott konnte nur eine von unaufhörlicher, absoluter, universaler Abhängigkeit sein. […] Was ist die Menschwerdung anderes als seine himmlische Demut, sein Sich-Entäußern und Mensch-Werden? Was ist sein Leben auf der Erde anderes als Demut, sein Annehmen der Gestalt eines Dieners?« — Andrew Murray, Demut
Jesus hat nicht geschummelt. Er hat das Leben, zu dem er uns einlädt, als Mensch gelebt: in beständiger Abhängigkeit von der Gegenwart, Kraft, Befähigung und Führung des Vaters. Deshalb kann er uns rufen, und deshalb heißt dieses Buch, wie es heißt: Er lädt uns ein, zu leben, in the same way. Genauso wie er.
Ein Altar am Jordan
Und so ist meine Pyramide am Ende dieser Reise gar keine Pyramide mehr. Sie hat sich in einen Steinhaufen verwandelt: zehn glatte Steine, ein Altar an meinem Jordan (Josua 4,1-9). Sie stehen da als Erinnerung an das, was Gott in meinem Leben getan hat. Und als sichtbare Erinnerung an das Leben, zu dem Jesus uns einlädt: ein Leben jenseits unserer kühnsten Träume.

Die Bücher aus diesem Kapitel
- The Pursuit of God von A.W. Tozer gibt es auf Deutsch als »Gottes Nähe suchen«: SCM-Shop · Amazon · Thalia
- Humility von Andrew Murray gibt es auf Deutsch als »Demut«: Amazon · Thalia
- Und natürlich das Buch zur Serie: In The Same Way von R.A. Smith (Polwarth Ministries, englisch, 10 USD).
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In The Same Way von R.A. Smith, Polwarth Ministries, ist bisher nur auf Englisch erhältlich (10 USD). Bestellen kannst du es direkt bei Polwarth Ministries. Schön zu wissen: Polwarth arbeitet nach dem Prinzip »impact over income«, jedes regulär gekaufte Exemplar finanziert verschenkte Bücher.
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Dieser Beitrag ist die vollständige deutsche Fassung des Buchs »In The Same Way« von R.A. (Ronnie) Smith, Polwarth Ministries. Ronnie hat mich jahrelang als Spiritual Director begleitet. Deutsche Fassung mit seiner Erlaubnis: Andy Fronius.

